Premiere Hamburger Kammerspiele

Sehr viel Applaus für berührenden "Ghetto Swinger"

Foto: Bo Lahola

Die Hamburger Kammerspiele starten mit einem mehr als gelungenen Stück über das Leben des Jazzmusikers Coco Schumann in die Saison.

Hamburg. Der Applaus hielt lange an. Und er kam von Herzen. Denn was das Premierenpublikum am Sonntagabend zum Saisonstart in den Hamburger Kammerspielen sah, konnte niemanden kalt lassen. Zwei Stunden lang hatten die Zuschauer in der Uraufführung von "Der Ghetto Swinger" Szenen aus dem Leben des Jazzmusikers Coco Schumann verfolgt.

Die erste Hälfte, wo der junge Gitarrist in Berlin seine Kunst, die Cafékultur und das Nachtleben kennen- und lieben lernt, war eher in Dur gehalten. Die zweite Hälfte, mit der Verfolgung des "Halbjuden" Schumann und seiner Deportation nach Theresienstadt, Auschwitz und Dachau, tönte zunehmend in Moll.

Was das Faszinierende an der Fassung von Gil Mehmert ist: Der Swing-Sound der 30er- und 40er-Jahre, er war nicht bloß dramaturgisches Mittel, er wurde zum eigenen Charakter, atmete und kämpfte, litt und liebte. Das war vor allem dem schönen Regieeinfall zu verdanken, die fünfköpfige Band als Akteure mit einzubeziehen. Und sie machten ihre Sache vortrefflich, so dass sie nie als bloßes Beiwerk für die beiden Hauptdarsteller wirkten.

Konstantin Moreth verlieh seinem Coco feine Konturen vom gewitzten Draufgänger bis zum erschöpften KZ-Häftling. Helen Schneider zeigte sich wandelbar in verschiedenen Rollen von der Erzählerin bis zum Schutzengel, verdichtete sowohl Euphorie als auch Horror aber immer wieder in ihrem rauchzarten Gesang. Nie entstand jedoch der Eindruck, auf der Bühne würde lediglich eine musikalische Revue abgespult, denn meist wurden die Nummern dramaturgisch gebrochen, wurden zum Beispiel mit der einbrechenden Realität des NS-Regimes kontrastiert. Das angenehm reduzierte Bühnenbild forderte die Imagination der Zuschauer zusätzlich. "Der Ghetto Swinger" ist ein Stück, das mehr als berührend ist. Aber nie rührselig.

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Und am Ende, als der Applaus immer noch nicht abebben wollte, wiesen die Schauspieler auf einen Mann in der zweiten Reihe. Der echte Coco Schumann, mittlerweile 88 Jahre alt, hatte sich das Stück angeschaut. Er stand auf, schaute ganz offen in die Menge, blinzelte dann ein wenig mit seinen Augen, in denen Tränen standen, verneigte sich und formte mit den Lippen das Wort "Danke".

"Der Ghetto-Swinger" Vorstellungen bis 14.10., Hamburger Kammerspiele (U Hallerstraße), Hartungstraße 9-11, Tickets zu 18,- bis 36,- unter T. 0800-413 34 40 (gebührenfrei)

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