Wo Autoren sich wohl fühlen

Klosterschule: Der Lehrer Carl-Walter Kottnik lädt seit fünfeinhalb Jahren Dichter zu Lesungen im Zeichensaal ein.

Hamburg. Wer etwas Außergewöhnliches erfahren will, muß abseitige Wege gehen. Im Gymnasium Klosterschule am Berliner Tor ist das wörtlich zu verstehen. "Nehmen Sie nicht die Haupttreppe am Eingang, sondern links am Ende des Flurs das Nebentreppenhaus", hatte Carl-Walter Kottnik gesagt. "Vom dritten Stock aus führt dann rechter Hand eine weitere Treppe hoch zum Zeichensaal." Nicht erwähnt hat der Lehrer das Bestiarium, an dem der Besucher oben vorbeimuß: Hinter Glas stehen dicht gedrängt Tierpräparate. So unvermittelt konfrontiert, fühlt man sich plötzlich aus der Zeit geraten: wie in der entlegenen Ecke eines verstaubten Naturkundemuseums. Oder wie damals in der Schule im Bio-Raum.

Willkommen im Gesamtkunstwerk des Kunsterziehers Kottnik: Denn dessen "Dichterlesungen im Zeichensaal" wirken weit über den eigentlichen Ort hinaus. 1999 begann die Reihe im Raum 408, heute findet dort die 57. Veranstaltung statt. "Täusche ich mich, oder haben mittlerweile fast sämtliche deutschsprachigen Autoren bei dir gelesen?" fragte der Lyriker Jan Wagner in der Jubiläumsbroschüre zum fünften Geburtstag. "Falls nicht, so mußt du nahe dran sein . . ."

Tatsächlich erscheint die Liste der 81 Literaten, die Kottniks Einladung in die Schule gefolgt sind, wie ein "Who's who": Ulla Hahn, Judith Hermann, Elisabeth Borchers, Christoph Meckel, Matthias Politycki, Walter Kempowski, Arnold Stadler ("mein erster Büchner-Preisträger"), der Tschechow-Übersetzer Peter Urban und, und, und . . .

Den Anstoß hatte der "intensive Leser" Kottnik 1999 vom Literaturhaus-Buchhändler Stephan Samtleben bekommen: "Warum machst du nicht mal für deine Schüler . . . ?" Nach dem Start am 4. Mai 1999 mit einer Lesung von Matthias Göritz "vor 16/17 Zuhörern" war der Lehrer nicht mehr zu bremsen: Er lud ein, die Autoren wurden immer prominenter, und die Sache nahm Form an. Mal gewann Kottnik Künstler wie die Harry-Potter-Illustratorin Sabine Wilharm für die Gestaltung des Plakats, mal gestalteten Schüler im Unterricht Bilder zur Veranstaltung, erarbeiteten Einführungen oder beteiligten sich sogar an Veranstaltungen wie dem Poetry Slam vor einem Jahr. Wohlgemerkt: Die Teilnahme an den eintrittsfreien, privat finanzierten Abenden ist keine schulische Zwangsveranstaltung, sondern den Schülern freigestellt. Ein Angebot, nicht mehr. Mittlerweile kommen bis zu 70 Personen, viele davon sind Besucher von außen - ein Geheimtip, denn die Autoren bewegen sich hier freier als bei offiziellen Leseterminen. Zudem schätzen sie die seltene Chance, auf Jugendliche zu treffen, die erst als Leser gewonnen werden müssen.

"Wie was wirkt, weiß keiner", sagt Carl-Walter Kottnik. Wie Vorbilder anstiften und prägen, verschweigt er dabei diskret: Seine ehemalige Schülerin Katharina Krasemann, Abiturientin dieses Jahres, hat gerade einen mit 6000 Euro dotierten Förderpreis der Kulturbehörde für ihre Lyrik bekommen.

  • Heute 19.30 Uhr, Gymnasium Klosterschule, Westphalensweg 7: Wulf Kirsten (Weimar) liest aus seinem Werk.