Der Hüter der Zwiebel

Junges Schauspielhaus: "Nipple Jesus" in der Kunsthalle

HAMBURG. Vor solch einem Kunstwerk könnten einem die Tränen kommen: Eine Gemüsezwiebel von einem gewissen Al Di Champ. Glücklicherweise ist das Stück hinter Glas.

Doch die ungefähr 80 Leute, die auf geklappten Museumssitzen vor der Vitrine Platz genommen haben, sind so leicht nicht zu irritieren. Schließlich haben sie alle gerade einen Crash-Kurs in zeitgenössischer Kunst hinter sich. Eine Kurz-Führung zu Richard Serras großdimensioniertem Bleigießen und Jannis Kounellis' rußiger Wandinstallation im Untergeschoß der Galerie der Gegenwart. Dazu hat eine junge Kunsthistorikerin erklärt, wie die Werke entstanden und daß es bei beiden um den Prozeßcharakter von Kunst gehe. Danach der steile Weg nach oben zur Di Champ-Zwiebel. Die Führerin hat alle gebeten, sich auf das Werk zu konzentrieren, bevor sie die Leute mit einem Museumswächter allein läßt, der stumpf vor sich her stiert.

Der Übergang zwischen den Künsten ist an diesem Abend fließend. Denn das Junge Schauspielhaus ist erstmals zu Gast in der Kunsthalle. Und das Publikum kann bei "Nipple Jesus" (von Nick Hornby) live teilhaben am Prozeßcharakter des Theaters. Denn der Museumswächter David (Hermann Book) ist - ebenso wie die Gemüsezwiebel - eine Leihgabe des Schauspielhauses. Und zwar eine sehr wertvolle, obwohl es ihm nicht sofort anzusehen ist.

Der prollige David paßt in die "Galerie der Gegenwärtigkeit", wie er sie nennt, ungefähr so gut wie "Bilder von Obst". Eigentlich war er Türsteher, aber seine Gattin fand den Job im Museum repräsentabler - und weniger gefährlich. Keine Ahnung, die Frau. Denn David ist für einen Spezialauftrag angeheuert worden. Er sollte "Nipple Jesus" bewachen: eine Kruzifix-Darstellung, die sich bei näherer Betrachtung als Collage aus lauter weiblichen Brustwarzen erwies. David erzählt dem Publikum davon, wie er das Werk zu schätzen lernte und gegen jeden Eiferer zu verteidigen bereit war - mit keinem guten Ende für ihn und seine Meinung von der zeitgenössischen Kunst. Jetzt bewacht er die Zwiebel.

Eine hintergründige Installation (Regie: Konradin Kunze) mit einer Videokunst-Pointe am Ausgang und einem Hermann Book, der zeigt, daß große Komik aus großem Ernst entsteht. Bevor er abgeht, wirft er erst einen verständnisarmen Blick auf die Zwiebel, dann auf die Zuschauer und verdreht die Augen - schrecklich, diese Kunstfuzzis.

  • Vorstellungen am 8. und 29. 6. um 10 und 19.30 Uhr, am 15. und 22. 6. um 19.30 Uhr; Foyer Galerie der Gegenwart; Tel. 24871-3.