"Das Blut fließt in Strömen"

Hamburgensien: Dirigent René Jacobs hat die von Telemann vertonte Passion des Hamburger Dichters Brockes entstaubt.

Berlin. Ein Werk des Barock-Komponisten Georg Philipp Telemann auf höchstem Niveau in Hamburg aufzuführen - das sollte längst ein Heimspiel sein. Für Rene Jacobs, der am 24. März dessen Brockes-Passion mit der Akademie für Alte Musik Berlin im Rahmen der NDR-Reihe "Das Alte Werk" in der Laeiszhalle präsentieren wird, ist es dennoch eine Premiere: Aus den ehrgeizigen gemeinsamen Staatsopern-Plänen, die Intendant Langevoort angekündigt hatte, ist nie etwas geworden. Schade, denn der ehemalige Countertenor Jacobs gilt als der weltweit profilierteste Alte-Musik-Zauberer und -Entstauber. Der Belgier, der gerade einen Grammy für seine "Don Giovanni"-Einspielung erhalten hatte, spricht über die Freuden und Schwierigkeiten, die einem bei der heiklen Suche nach der interpretatorischen Ideallinie begegnen können.

ABENDBLATT: Wieso hat es bislang nie geklappt mit Ihnen und Hamburgs Oper?

RENE JACOBS: Ich bin den Philharmonikern einmal am Ende der Liebermann-Ära begegnet, es ging um zwei Stücke von Gluck. Das war eine schlechte Erfahrung, seitdem habe ich kein deutsches Opernhaus-Orchester mehr dirigiert, und wenn ich meine Memoiren schreiben sollte, käme dort der Ausspruch von einem der ersten Geiger hinein. Die Musiker kannten das Stück nicht, sie mußten ein Arien-Vorspiel spielen, das ich ihnen vorgesungen habe. Mir wurde gesagt: Sie sind hier nicht zum Singen da, sondern zum Schlagen. Außerdem bekam ich zu hören, daß man Renaissance-Musik nicht so sehr lieben würde. Das war Gluck - noch nicht mal mehr Barock, sondern noch später!

ABENDBLATT: Ihr Konzert- und Opern-Terminkalender ist prall gefüllt, über einen Mangel an CD-Projekten können Sie nicht klagen. Leidet da nicht das Quellenstudium unter Zeitmangel?

JACOBS: Diese Zeit nehme ich mir einfach. Momentan laufen drei Projekte: der "Ulisse" in Berlin, die Vorbereitungen für eine "Zauberflöte" in Brüssel und die Brockes-Passion.

ABENDBLATT: Was haben Sie darin entdeckt, was andere noch nicht gefunden haben?

JACOBS: Keine Ahnung, was die anderen gefunden haben, so viele haben sich damit ja noch nicht beschäftigt. Ich habe jedenfalls eine wirklich großartige Leistung entdeckt. Es gibt aber zwei Probleme für das Publikum: zum einen den ständigen Qualitätsvergleich Telemanns mit Bach, zum anderen die Qualität der Texte. Ich liebe Barock-Dichtung in allen Sprachen, die ich lesen kann, und Brockes' ist sehr, sehr barock. Er will nachfühlen lassen, wie sehr der Heiland leidet - große Metaphern, das Blut fließt in Strömen. Diese Poesie ist für mich mit dem schrecklichen Mel-Gibson-Film "Passion" vergleichbar. Wenn man das überwunden hat, kann man eine sehr ideenreiche Musik erleben; schon der Beginn ist wie eine Oper gestaltet. Für mich die originellste ihrer Art, die ich kenne.

ABENDBLATT: Für viele ist der Massen-Komponist Telemann ein Synonym für das Wort Fließband.

JACOBS: Er hat sehr viel komponiert, es gibt sicher Unterschiede. Aber was kennt man schon? Das, was er am schnellsten geschrieben hat - Blockflötensonaten und ähnlichen Kleinkram. Gebrauchsmusik, gut gemacht, aber schnell. Oder die Kantaten. Aber die großen Opern - wann werden die schon gespielt? "Orpheus", den wir hier in Berlin gemacht haben, ist ein Meisterwerk. Telemann ist neben Keiser der wichtigste Exponent der deutschen Barock-Oper, es ist eine Schande, daß Hamburg sich darum nicht gekümmert hat. Man kann so etwas aber nur spielen, wenn man ein Orchester hat, das diese Musiksprache gut versteht. Das ist das Problem mit dieser Musik - es steht nicht genug in den Noten. Orchester wie das Hamburger sind nur glücklich, wenn das Notenblatt schwarz vor Noten ist. Je weniger dort steht, desto mehr Phantasie muß man mitbringen.

ABENDBLATT: Welche Erkenntnisse haben sich im Laufe der Jahre Ihrer Beschäftigung mit frühem Repertoire herauskristallisiert?

JACOBS: Unter anderem, daß die Bedeutung des Vokalen dazukam. In den vielen Traktaten über Instrumente steht so oft, daß sie einen guten Sänger imitieren sollen. Etliche aufführungspraktische Ideologien müssen deswegen korrigiert werden. Das Vibrato soll unbekannt oder unbeliebt gewesen sein, zum Beispiel. Doch 1614 schrieb Prätorius über die Disposition einer guten Stimme: Eine gute Stimme soll sein lieblich zitternd und bebend.

ABENDBLATT: Kürzlich erschien eine Aufnahme von Wagners "Fliegendem Holländer" "mit Originalinstrumenten". Korrekt oder übertrieben?

JACOBS: Das ist sicher alles sehr interessant, aber man darf nie sagen, dies sei die einzig denk-bare Spielweise. Was ich tue, ist, nicht rekonstruieren. Ich fälle eine Anzahl von Entscheidungen, die mit praktischen Dingen zu tun haben. Die Größe des Aufführungsraums beispielsweise spielt eine irrsinnig große Rolle.

ABENDBLATT: Also ist das Festhalten an den Standard-Vorgaben einer Partitur eine Mischung aus Faulheit und Ignoranz?

JACOBS: Dann versteht der Dirigent seine Aufgabe nicht richtig. Er soll etwas nicht nur proben, er soll das Stück und die Quellen wirklich gründlich studieren.

ABENDBLATT: Sie arbeiten regelmäßig mit Spezialisten-Ensembles wie dem Freiburger Barockorchester oder der Akademie für Alte Musik. Gibt es auch Anfragen von philharmonischen "Dickschiffen", die von Ihnen auf neuen Kurs gebracht werden wollen?

JACOBS: Das gab es, aber ich habe einfach Angst davor, ein Orchester - selbst das beste - so nehmen zu müssen, wie es ist. Der Scala etwa habe ich auf deren Anfrage hin Vorschläge gemacht, aber keine Antwort erhalten.

ABENDBLATT: Welche Repertoire-Bereiche wollen Sie noch für sich entdecken?

JACOBS: Bislang habe ich nur wenige französische Opern gespielt. Ich habe auch immer mehr Lust, das Barock mit vorsichtigen kleinen Schritten zu verlassen.

ABENDBLATT: Geben Sie's zu: Sie träumen von den Hundertschaften in Schönbergs "Gurreliedern".

JACOBS: Bestimmt nicht. Ich träume eher von Schubert-Sinfonien. 2008 steht meine erste Rossini-Oper an, "Tancredi", die noch am nächsten bei Mozart ist, und sie wird konzertant sein.

ABENDBLATT: Was ist die schlimmste Sünde, die man der Alten Musik antun kann?

JACOBS: Den Historismus als Alibi ohne eigene Ideen für den Mangel an Persönlichkeit und Phantasie zu benutzen. Zu sagen: So steht's hier oder da, so machen wir das.

ABENDBLATT: Auch die künftige Hamburger Opern-Leitung will sich ums Thema Barock bemühen. Wenn man Sie einladen würde, mit der Zusage, Sie könnten ein Ensemble Ihres Vertrauens mitbringen?

JACOBS: Ich würde sofort zusagen und mit guten Sängern eine große Keiser- oder Telemann-Oper machen. Wir waren ja schon mal fast soweit, doch das Orchester dort meinte, sie könnten das auch spielen. Die Zusammenarbeit mit der Akademie für Alte Musik genieße ich sehr - mit ihnen kann ich genau so arbeiten, wie es die Hamburger wohl nicht möchten. Und die Berliner lassen sich auch mal etwas vorsingen.

  • 24. März, 20 Uhr, Laeiszhalle, Großer Saal, Kartentel. 0180-178 79 80.

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