Ernst-Barlach-Haus: Werke aus der Sammlung Dammann

Wahnsinnig kreativ

"Wahnsinn sammeln" heißt eine Schau mit Arbeiten von Patienten psychiatrischer Kliniken.

Hamburg. Den Begriff Kunst hatte der Heidelberger Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn (1886-1933) noch bewusst vermieden. Sein 1922 erschienenes und bis heute viel beachtetes Buch nannte er "Bildnerei der Geisteskranken". Anfang der 20er-Jahre baute Prinzhorn in der renommierten Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg eine Sammlung mit etwa 5000 künstlerischen Arbeiten von Patienten auf, die er nicht nur - wie bislang üblich - unter therapeutischen, sondern eben auch unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtete und analysierte.

In der Kunstszene stieß die Sammlung auf großes Interesse, und für Künstler wie Max Ernst, Paul Klee oder Oskar Schlemmer stand ohnehin außer Frage, dass es sich dabei nicht nur um Bildnerei, sondern um Kunst handelte; eine Kunst, die vielfältige Anregungen zu geben vermochte. Nach der Diffamierung in der NS-Zeit konnte sich die Kunst von Geisteskranken seit den 60er-Jahren emanzipieren, inzwischen ist sie unter dem von Jean Dubuffet geprägten Begriff "Art Brut" oder als "Outsider Art" allgemein akzeptiert.

"Wahnsinn sammeln" heißt der Titel der aktuellen Schau, in der das Ernst-Barlach-Haus jetzt Arbeiten aus der Sammlung des Baseler Psychiaters Gerhard Dammann und seiner Frau Karin zeigt. Zu sehen sind ausschließlich Werke von "Künstlern mit Psychiatrieerfahrung", wie es ein wenig euphemistisch im Katalog heißt. Im Mittelpunkt stehen Arbeiten, die in zwei Atelier-Häusern entstanden sind, in denen psychisch kranke und behinderte Menschen leben und dabei unter günstigen Bedingungen ihren künstlerischen Neigungen nachgehen können: Zum einen ist es das in Gugging, 20 Kilometer von Wien entfernt gelegene "Haus der Künstler" mit gegenwärtig zwölf Bewohnern, das 1981 gegründet wurde, zum anderen La Tinaia, ein 1964 ins Leben gerufenes Atelier-Wohnhaus, das einer neuropsychiatrischen Klinik in der Nähe von Florenz angegliedert ist. Hier geht es nicht mehr um die Therapiefunktion, sondern um die Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks. Und der ist keineswegs jedem Patienten gegeben, sondern nur den wenigen dafür begabten. "Der Prozentsatz der Künstler unter den psychisch kranken Menschen ist keineswegs größer als der in der übrigen Bevölkerung", meint Sebastian Giesen, der Leiter des Jenisch-Hauses.

Im Übrigen zeigt die Schau sehr deutlich, dass Outsider Art keineswegs von vornherein als solche erkannt werden kann, zu verschiedenartig sind die Positionen und Temperamente der einzelnen Künstler. Dabei liegt es auf der Hand, dass in einigen Arbeiten auch Ängste und traumatische Erfahrungen zum Ausdruck kommen, etwa in den Werken von Michel Nedjar oder dem eigentümlichen Friedhofsbild von August Walla. Viele der Künstler aus La Tinaia - wie etwa Giordano Gelli - bevorzugen jedoch großformatige, figurenreiche Kompositionen, mal in düsterer, mal in leuchtender Farbigkeit.

Auf die Frage, was sie motiviert habe, gerade diese Kunst zu sammeln, antwortete Karin Dammann in einem Interview: "Was uns interessiert, sind die Biografien der Künstler. Dass sie trotz schwerster Krankheit kreativ sein können, das finde ich faszinierend."

  • Ernst-Barlach-Haus , Jenischpark

Baron-Voght-Str. 50 a, bis 22. April

Di-So 10-18 Uhr geöffnet, Katalog 24 Euro .