Das Buch muss im Zentrum stehen

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Pisa-Konsequenz: Die Gesamtschule Bergedorf baut aus eigener Initiative eine zentrale Bibliothek auf.

Hamburg. Den meisten Hamburger Schulbibliotheken ist eines gemeinsam: Sie verdienen kaum diesen Namen und sind eher Buchabstellkammern. Welch ein Kontrast zu den USA, wo Bibliotheken das Zentrum der Schule sein sollen, oder zu Skandinavien, wo Lehrkräfte sich explizit um die Bestandspflege kümmern. Idealvorstellungen, die Dirk Hagener (62), Rektor der Gesamtschule Bergedorf, vor Augen hatte, als er gemeinsam mit dem Lehrer Michael Magunna (61) darüber nachdachte, welche Konsequenzen aus der bei PISA festgestellten Leseschwäche deutscher Schüler zu ziehen seien.

Wenn die Jugendlichen nicht zu den Büchern kommen, dann müssen die Bücher zu den Jugendlichen kommen, sagten sich die beiden und fassten einen kühnen Plan. Eine zentrale Schulbibliothek wollten sie für die rund 1200 Gesamtschüler, mit einem attraktiven Buchangebot in einer Atmosphäre zum Wohlfühlen. Darüber hinaus sollte jede Klasse ihr eigenes Buchangebot im Klassenzimmer bekommen.

Das Ganze wäre in unserem chronisch unterfinanzierten Bildungssystem eine schöne Utopie geblieben, hätten Hagener und Magunna nicht sehr viel Glück gehabt. Sie begeisterten nicht nur freigebige Eltern und motivierte Lehrer, sondern gewannen auch die Hamburger Bibliothekswissenschaftlerin Birgit Dankert für das Projekt. Die Professorin initiierte ein Seminar, in dem 21 Studenten einen funktionstüchtigen Bibliotheksbetrieb konzipierten. "Wir hätten es ohne diese Hilfe nicht geschafft, unsere Vision zu verwirklichen", sagt Hagener.

Ein weiterer Glücksfall war der Umzug von Hamburgs Zentralbibliothek, die ihre alten Regale am neuen Standort nicht mehr brauchte. Die Gesamtschule Bergedorf bekam 76 Regale geschenkt, die jetzt auf die Mittelstufenklassen verteilt werden und mit von den Eltern gespendeten Büchern befüllt werden. Die Verwaltung dieser Bestände übernehmen die Klassen selbst.

Das Herzstück des Ganzen, die zentrale Bibliothek, wird mit ungefähr 3000 meist neuen Büchern bestückt, die günstig erworben oder von Verlagen gestiftet worden sind. Bislang ist es vor allem Prosa, ein attraktiver Sachbuchbestand wird gerade erst aufgebaut. Gegenwärtig werden die 20 ehrenamtlichen Kräfte, Eltern und Lehrer, auf den Betrieb vorbereitet. Eröffnet werden soll die Bibliothek im Mai. Doch Hagener und Magunna träumen schon weiter: Sie wünschen sich einen Wintergarten als Anbau für die Bibliothek, die auch Arbeitsraum für die Schüler werden soll. 200 000 Euro würde dies kosten. Viel Geld für eine arme Schule. Doch es wäre nicht die erste Utopie, die in Bergedorf wahr würde.

  • Im Internet: www.gs-bergedorf.de

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