Warum Bach Hamburg den Rücken kehrte

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Helmut Söring

Bachfest: Organist an St. Jacobi? Johann Sebastian Bach sagte 1720 ab - eine Schau über die wahren Hintergründe.

Hamburg. Hamburg steht von jeher in dem zweifelhaften Ruf, eine Stadt voller Banausen zu sein, in der den Pfeffersäcken alles heilig ist, nur eines nicht: Kultur. Als Beweis für dieses Vorurteil müssen regelmäßig zwei weltberühmte Komponisten herhalten: Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms. Der eine habe des schnöden Mammons wegen nicht Organist an St. Jacobi werden können, dem anderen sei ein mittelmäßiger Stadtmusikant vorgezogen worden, als es um die Leitung der Philharmoniker ging. Beide Behauptungen halten sich hartnäckig selbst in den angesehensten Publikationen. Doch beide sind falsch.

Setzt sich bei Brahms (1833- 1897) langsam die Erkenntnis durch, daß es bei dem Posten 1862 um einen Chormeister für die Hamburger Singakademie ging, keinesfalls um die Leitung der privaten Philharmonischen Konzerte, so ist die Lage bei Bach (1685-1750) bislang kaum an die Öffentlichkeit gedrungen. Die Hamburger Staatsbibliothek stellt jetzt anläßlich des Bachfests die Dinge im Rahmen einer kleinen Sonderausstellung klar.

Wahr ist, daß Bach anno 1720 - damals war er Hofkapellmeister in Köthen - nach Hamburg reiste, um die berühmte Arp-Schnitger-Orgel in St. Jacobi zu spielen. Als dann die Organistenstelle vakant wurde, schickte er eine Bewerbung. Er wollte sich verändern, nicht zuletzt, weil seine Frau Maria Barbara kurz zuvor gestorben war. Nicht wahr ist, daß Bach die Stelle nur deshalb nicht bekam, weil er die mit dem Amt verbundenen 4000 Mark nicht aufbringen konnte oder wollte. Ämterkauf war seit 1685 neben den städtischen auch für kirchliche Dienste in Hamburg vorgeschrieben, doch in St. Jacobi noch nicht erhoben worden. Bach wußte das.

Die Wissenschaft hält andere Gründe für schwerwiegender: Bach hätte auch als Kirchschreiber arbeiten müssen. Zudem wurde just zu seiner Zeit die Musik in den Hamburger Gottesdiensten von der Orgel mehr auf instrumentale und vor allem vokale Ensembles verlagert. Und die leitete der Kantor. Selbst wenn der verhindert war, wurde dessen Vertreter - nicht aber der Organist - mit der Musik betraut. Alles in allem wäre es gesellschaftlich und beruflich ein Abstieg gegenüber Köthen für Bach gewesen. Finanziell hätte er sich zwar etwas besser als in Anhalt gestanden, aber es wäre weit weniger geworden, als noch sein Vorvorgänger Johann Adam Reinken verdient hatte. Mit einer langen Improvisation über dessen "Über Wassern Babylons" hatte der Köthener noch ein erstes fulminantes Probespiel abgeliefert. Aber dann überlegte Bach es sich anders und teilte dies dem Wahlgremium schriftlich mit. Am 23. November 1720 nahm er die Kutsche zurück nach Köthen. Fünf Tage später fand das Probespiel statt. Von den ursprünglich acht Kandidaten waren nur noch vier erschienen: Bach abgereist, zwei hatten abgesagt, einer fehlte unentschuldigt. Am 19. Dezember traf sich das Gremium wieder, verlas Bachs Brief und verkündete den neuen Organisten: Johann Joachim Heitmann, Sohn eines wohlhabenden Hamburger Mühlenbesitzers. Der zahlte dann die "Erkenntlichkeit" von 4000 Mark in die Kirchenkasse. Seither gilt Heitmann als der Verdränger Bachs. Der ging drei Jahre später an die Thomaskirche in Leipzig. Der Rest ist Kulturgeschichte.

  • Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky, Von-Melle-Park 3, bis 18. 12., mo-fr 9-21, sbd 10-18 Uhr.