Ein Arzt erkannte Munchs Genie und holte ihn nach Lübeck

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Lutz Wendler

Ausstellung: Das Behnhaus zeigt, was den Maler mit der Hansestadt verband.

Lübeck. In einem Brief an seine Tante Karen Bjælstad schrieb Edvard Munch 1904: "Hier in Lübeck wohne ich sehr gut - ruhiges Arbeiten, keine Norweger . . . und ich glaube, ich könnte hier viel malen. Dr. Lindes Haus ist ein vorzüglicher Aufenthaltsort." Bestätigung finden diese Zeilen im gerade vollendeten "Selbstporträt mit Pinseln": Der damals 40 Jahre alte Munch präsentiert sich selbstbewusst mit großbürgerlichem Habitus - welch ein Kontrast zu den Ängsten und psychischen Leiden, die oft Gesichter in seinen Bildern gezeichnet hatten. Tatsächlich war Munchs positives Verhältnis zu Lübeck in mehrfacher Hinsicht ein Glücksfall. Das Museum Behnhaus erinnert jetzt mit einer Ausstellung von 21 Ölgemälden, 40 grafischen Blättern, Briefen, Familienfotos sowie ergänzenden Materialien an diese produktive Phase und an den Lübecker Kunstsammler Max Linde (1862-1940), der Munch durch seine Förderung und Anteilnahme "über den Abgrund" (Munch 1904) half. Der vermögende Augenarzt Linde verfügte über die bedeutendste Lübecker Privatsammlung mit Schwerpunkt auf Rodin-Skulpturen und Impressionisten, als er von dem Kunstfreund Albert Kollmann auf Munch aufmerksam gemacht wurde. Kollmann, den Munch als seinen Mephisto bezeichnete, verstand sich als Anwalt der Moderne, deren Werke er mit missionarischem Eifer "in feinen Häusern" unterbringen wollte. Linde fuhr 1902 nach Berlin, wo Munch damals ein Atelier hatte, kaufte das Gemälde "Fruchtbarkeit" und lud den Maler nach Lübeck ein. Bevor es zu diesem ersten Besuch kam, erwarb Linde Munchs komplettes grafisches Werk mit seinerzeit 39 Blättern für 798 Reichsmark - der Beginn einer produktiven Beziehung zwischen Sammler und Künstler. Linde wollte seine Familie porträtieren lassen. Munch selbst erweiterte den Auftrag zur so genannten Linde-Mappe, deren 16 Druckgrafiken mit Porträts, Ansichten der Villa in der Ratzeburger Allee (heute ein Standesamt), des parkähnlichen Gartens und der Kunstsammlung in drei Monaten entstanden. In dieser Zeit verfasste Linde eine Monographie über Munch, den er neben Rodin als den Künstler der Zukunft sah. Kollmann schrieb an Linde, dass er Munch noch nie so innerlich befriedigt gesehen habe wie in Lübeck. Max Linde erwies sich als kongenialer Auftraggeber: einer, der förderte, indem er forderte, wie es im Katalog heißt. Auch das bedeutendste Gemälde, das in Lübeck entstanden ist, war ein Auftragswerk: "Die Söhne des Dr. Linde" (1903). Weniger krass als bei Erwachsenen zeigt Munch auch hier seine Meisterschaft im Ausdrucksporträt: Nicht die Oberfläche wollte er zeigen, sondern die Persönlichkeit. Auch ihren Vater erfasste Munch mit durchdringendem Blick: Im Yachtanzug malte er Doktor Linde, weil die Familie es so wünschte. Doch hinter der scheinbar selbstsicheren Fassade des Sportsmannes wird der empathische, melancholische Mensch sichtbar, der in der Welt der Kunst zu Hause schien. Zu einer "Tragedie der Liebe", wie Munch schrieb, kam es 1904, nachdem Linde die für einen Kinderzimmer-Fries bestellten Bilder abgelehnt hatte, weil die zehn Gemälde nicht den Vorstellungen entsprachen. Munch malte Szenen einer unbeschwerten Kindheit, aber auch pubertäre Nöte, in denen sich existenzielle Verzweiflung andeutet. Das Verhältnis kühlte merklich ab. Zumal die Lindes ohnehin leicht befremdet waren über sich wiederholende Alkoholexzesse Munchs oder seine Weigerung, das Weihnachtsfest bei ihnen zu verbringen. Stattdessen feierte Munch im Bordell, wovon ein Gemälde und Zeichnungen Zeugnis ablegen. Erst zwei Jahre später kam Munch wieder nach Lübeck. Er malte den Hafen, Motive an der Ostsee und sein letztes Auftragsbild für den Förderer, "Rodins ,Denker' im Garten Dr. Lindes". Damit war die Sammlung auf ihrem Zenit. Linde verlor nach dem Ersten Weltkrieg sein Vermögen und musste sich von fast allen Kunstwerken trennen. Als sich Carl Georg Heise, Direktor des Museums Behnhaus, dafür einsetzte, die Sammlung in Lübeck zu erhalten, war es schon zu spät. Linde brauchte Geld, über das Heise nicht verfügte. Dennoch gelang es dem Museumsmann, einzelne Werke wie die Linde-Mappe und sogar das Gemälde mit den Linde-Söhnen zu erwerben, um 1925 einen Munch-Raum einzurichten. 1926 besuchte Munch das Behnhaus, 1931/32 schenkte er dem Museum das Gemälde "Travemünde" (1904) und vier Blätter - als Erinnerung, wie Munch in holprigem Deutsch schrieb, "an die schönen Tage ich in ihrer wunderschönen Stadt zugebracht habe und an die Gastfreundschaft und früh Verständnis für meinen Kunst ich dort gefunden habe". Die Ausstellung, auch wenn wegen schwieriger Ausleihbedingungen keine Vollständigkeit erreicht werden konnte, offenbart, was Lübeck verloren hat. Und sie zeigt auch, was ein kleines Museum in einem erstaunlichen Kraftakt mit dreijähriger Vorbereitungszeit und vielen Sponsoren vollbringen kann. Die Schau hat etwas von der Tiefenschärfe, die auch dem Werk Munchs eigen war. Ein Gemälde ("Der Ziegenwagen", 1903), bislang nur aus einem Brief bekannt, ist erstmals ausgestellt, ein anderes ("Das traurige Mädchen", 1904) wurde zuvor noch nie in Deutschland gezeigt - bei Letzterem wurde zudem herausgefunden, dass es sich um die Tochter von Lindes Sprechstundenhilfe handelt.

  • Museum Behnhaus/Drägerhaus, Königstraße 9-11, Tel. 0451/122 41 48; bis 19. Oktober, täglich 10-18, do 10-20 Uhr; Katalog 20 Euro.