Klassik

Plattencover zum Fremdschämen in Dur und Moll

Kitsch-Bebilderung kennt keine Schmerzgrenze: Hässliche Klassik-Plattencover sind auch in Zeiten der Digitalisierung nicht totzukriegen.

Hamburg. Es ist unübersehbar, dass sich der Aggregatszustand klassischer Musik für den heimischen Verzehr stark verändert hat. Wo früher ein Plattenregal als Gradmesser für Bildungsbürgertum oder Geld verschlingenden Sammlerwahn galt, rotiert heute oft nur noch eine Festplatte. Musik ist selbst in unfassbaren Mengen allgegenwärtig verfügbar geworden, transportabel, fast unsichtbar. Und damit auch ihre Verpackung. Eine MP3-Datei braucht kein Gesicht, sie ist kein Blickfang. Nur noch ein Speicherplatz.

Wie schön, dass es noch Plattencover gibt, die dem Käufer oder Sammler zeigen, was ihn auf dem Tonträger erwartet? Kann man so oder so sehen. Denn bei der Hüllen-Ästhetik ist die Plattenindustrie einer Grundregel in Nibelungentreue verbunden: Es geht immer noch schlimmer. Warum ansprechende Optik, wenn es auch eine klischeeverklebte Persiflage sein kann? Klassik-Kitsch kennt keine Schmerzgrenze.

Zu allen Zeiten gab es das demütige Bildmotiv "Maestros Schokoladenseite", die Miene je nach Dramatik der Werke mal mehr, mal weniger verdüstert. Klassische Variation: der Pult-Herrscher in Aktion, alle Zügel des Geschehens genialisch in der Hand. Der Traditionalist Christian Thielemann praktiziert das nach wie vor so. Unterhalb von Herbert von Karajan, der sich mit seiner Bildsprache selbst zum Heiligtum stilisierte, wurde gern auch auf Gemälde der jeweiligen Epoche ausgewichen. Die Kundschaft wusste dank des insgeheim vorausgesetzten (Vor-)Bildungsgrads, in welcher Stilrichtung sie unterwegs war. Ein Konsens, der mittlerweile Geschichte ist. Bizarrste Ausnahme dieser Regel waren die 100 Cover, die Eliette von Karajan unter dem missverständlichen Titel "100 Meisterwerke" für die Deutsche Grammophon mit aquarelligem Blau oder Grün bepinseln durfte, weil sie die Frau des Über-Maestros war.

Da fast nur innere Werte zählten, konnten Stars früher auch noch aussehen, wie sie wollten. Sie konnten wiegen, so viel sie wollten, und anziehen, worauf sie Lust hatten. Der heutige Jugendwahn interessierte noch niemanden. Pianisten kamen wie die kauzigen Eigenbrötler daher, die sie oft ja auch waren. Die hochdramatische Birgit Nilsson sang ihre Wagner-Partien zum Niederknien, würde aber heutzutage jeden Artdirector in tiefe Depressionen stürzen. Während ranke, schlanke Opernschönlinge für Frauenmagazine seitenlang durchfotografiert werden, geht ein Ausnahme-Tenor wie Johan Botha, physisch ein Querformat, leer aus, obwohl er etliche Kollegen mit Leichtigkeit an die Wand singen kann.

Von David Garretts Rockstar-Attitüde lernen heißt verkaufen lernen, scheint nun die vorherrschende Devise zu sein. Wobei das einstige klassische Wunderkind Garrett seine Lektion zum Thema Pop-Ästhetik ja auch nur von der noch nicht mal mittelmäßigen Vanessa Mae gelernt hat, deren nasses T-Shirt viel berüchtigter wurde als ihr längst vergessenes Geigenspiel.

Ein akuter schlimmer Trend bei der Cover-Bebilderung ist die historisierende Verkleidung. Der Bratscher Nils Mönkemeyer musste für eine Telemann-Einspielung Luftsprünge im barocken Wams tätigen, Emmanuel Pahud wurde für sein neues Album "Flötenkönig" zum Alten Fritz in preußischem Glanz und Gloria umdekoriert, graue Haare für den 41-Jährigen inklusive. Der Tenor Jonas Kaufmann wird von derselben Modefirma eingekleidet wie Fußball-Bundestrainer Jogi Löw; für Kaufmanns "Sehnsucht"-Album mit Arien aus der Romantik inszenierte man ihn in Markengarderobe als Bodydouble von Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer".

Die Sopranistin Christine Schäfer ist berühmt für ihre Konsequenz, wenn es um drohende Fremdbestimmung geht. Ihre selbst produzierte Aufnahme von Schuberts "Winterreise" kam mit einem schneeweißen, ansonsten leeren Cover auf den Markt, für ein Album mit Liedern des US-Sonderlings George Crumb versteckte sie sich rätselhaft in einem Dinosaurierskelett. Doch kaum ist sie wieder bei einem Großlabel unter Vertrag (und unter entsprechendem Erfolgsdruck), wird das neue Arien-Album mit steil auftoupierten Divenfotos beworben, als wäre der Geist von Amy Winehouse in Schäfer gefahren.

Die eine Ironie dieser Geschichte: Diese Platte hat das optische Brimborium nicht nötig. Eine zweite, ebenfalls möglich: Der Oha-Effekt war von Schäfer als ironischer Seitenhieb auf die Branche gemeint - und niemand dort hat's gemerkt.

Unerreicht in Sachen Verfremdungseffekt ist und bleibt aber die Geigerin Anne-Sophie Mutter. Mit jeder neuen CD-Veröffentlichung scheint die 48-Jährige für die Cover-Fotos jünger zu werden, makellos geglättet wie eine computergenerierte Disney-Fee. Wenn die Musik, die sie spielt, schon jahrhundertealt ist, dann soll doch wenigstens ihre Interpretin so knusprig aussehen wie frisch vom Laufsteg, so die fragwürdige Botschaft dieser eiskalt berechneten Bilder. Interpretatorische, gereifte Lebenserfahrung wird durch diese Schaffung von Klassik-Avataren in einen "Jünger, schöner, schärfer"-Wettbewerb mit austauschbaren Teenager-Virtuosinnen getrieben, den sie nur verlieren kann. Und damit auch, wie einst Dorian Gray, ihre Lebendigkeit. Klappt es trotzdem nicht mit der erwarteten Blitzkarriere - auch egal; langfristige Plattenverträge bekommt eh niemand mehr. Mittelmäßiger Nachwuchs wird mit rasant gestyltem Bildmaterial in den Markt gedrückt. Garderobe ist wichtiger als die Überzeugungskraft einer künstlerischen Aussage. Aus den Konservatorien und Wettbewerben in aller Welt drängen außerdem so viele billige Talente ins Rampenlicht, dass bei der Vermarktung der nächsten Supergeigerin und dem nächsten Mördertenor gern auch das Auge mithören darf. Doch das hört lausig.