Wolfgang Herrndorf

Roman "Sand": Ein Mann verliert sich in der Wüste

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Der Held in Wolfgang Herrndorfs großartigem Roman "Sand" wird von Agenten, Knallchargen und Verlorenen gejagt. Eine Ode an den Zufall.

Hamburg. Das Klischee geht so: Sitzt ein Mann auf einer Parkbank und erinnert sich plötzlich nicht mehr, wer er ist. Komplette Amnesie. Er kann kaum vor, weil er nicht zurückkann. Reißt es einem den Boden unter den Füßen weg? Oder ist da gar kein Boden mehr, der weggerissen werden könnte? "Der Mann ohne Gedächtnis" und "Der Mann ohne Erinnerung", so heißen Filme, die dieses Sujet haben. Wolfgang Herrndorfs neuer Roman heißt "Sand". Das Buch ist der reine Wahnsinn. Man kann sich, es kommt selten genug vor, an ihm ergötzen.

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Und das, obwohl man sehr lange und wahrscheinlich sogar das ganze Buch über nicht so genau weiß, um was es eigentlich geht - sieht man mal vom erinnerungslosen Protagonisten ab. Auf seiner Internetseite erklärt Herrndorf, der 1965 in Hamburg geboren wurde, dass ihm bei der Niederschrift dieses 480 Seiten dicken "Wüstenthrillers" (wie der Roman in den ersten Beurteilungen nicht zu Unrecht etikettiert wird) eine Art "Krimi mit B-Picture-Plot" vorschwebte. Das trifft es ganz gut, wenn auch nur hinsichtlich seiner Trash-Anleihen und der galoppierenden Handlung. "Billig" war die Produktion der vierten Herrndorf-Veröffentlichung nicht, er hat sie sich abgerungen.

Der Leser dieses neuen Buches muss am Anfang auch etwas mit sich ringen: Vor ihm formiert sich ein gar zu seltsames Personal. Es trifft in Nordafrika zusammen, dort, wo sich die Sanddünen der Sahara breitmachen und Araber Kamele durch die Gegend treiben. Es ist eine klassische Low-Budget-Besetzung: Polizisten, die recht reife Hohlfrüchte sind, eine sehr blonde Amerikanerin, die angeblich Kosmetika (an verschleierte Frauen!) verkaufen will, einige Fellachen (was ist das? Arabische Bauern!), ein Dicker, ein Kurzer, ein Mann, der Julius heißt, aber so gar nichts Caesarisches hat. Ein Psychotherapeut namens Dr. Cockcroft, der sich besäuft, während sein einziger Patient vor ihm sitzt. Den Delinquenten Amadou Amadou, der in einer Kommune ein Blutbad angerichtet haben soll. Den Agenten Lundgren, der einen Auftrag hat, der irgendwie mit Ultrazentrifugenbauplänen zu tun hat. Was suchen die eigentlich alle? Und wer ist der Mann ohne Gedächtnis, der sich irgendwann Carl nennt, weil es anstrengend ist, keinen Namen zu haben?

Carl ist das Zentrum des Romans. Er darf nie ohne Identität auf einer Parkbank sitzen. Wie fies, jemanden ausgerechnet in einem Stück aus dem Irrenhaus das Gedächtnis zu rauben! Carl weiß überhaupt nicht, wer er ist. Ihm ist schleierhaft, warum er gejagt wird. "Eine Luftspiegelung ließ die Ziegelkamele aussehen, als schwebten sie über himmelblaue Seen": Carl schleppt sich scheinbar immerzu durch die Wüste, und wenn nicht gerade wieder jemand darauf aus ist, seine körperliche Unversehrtheit aktiv infrage zu stellen, täuscht ihm die Hitze am Horizont eine Oase vor.

Nicht, dass er immerzu im Wüstensand schlafen müsste. Die schöne Helen nimmt ihn auf, sie will ihm helfen, seine Identität wiederzufinden. Aber die Erkenntnis bleibt eine Fata Morgana. Auch für den Leser, und damit ist die Qualität von "Sand" ganz gut auf den Punkt gebracht. Herrndorf macht uns den Pynchon, er gibt uns Prosa, die von Bolano sein könnte, er ist Le Carré, wenn er ernsthaft ist. Und er ist Herrndorf, wenn er so tut, als schriebe er eine Agentenklamotte, dabei aber grüblerisch das große Ganze zum Ausdruck bringt. Die Idee des selbstbestimmten Subjekts ist eine Erfindung. Ich: Das ist eine Selbst-Konstruktion.

Herrndorf hat "Sand" ins Jahr 1972 verlegt, in München werden bei den Olympischen Spielen israelische Sportler getötet. Was das mit dem Geschehen in der Sahara zu tun hat? Vielleicht viel, vielleicht gar nichts. Es ist auch letztlich egal, auf welcher Hatz sich die Knallchargen, Agenten und Verlorenen befinden. Was zählt, ist die Suche selbst. Sie betrifft den Plot dieses schönen Buchs, sie betrifft die Existenz des vernunftbegabten Menschen allgemein.

+++ Hamburger Beststeller +++

Herrndorfs Roman ist eine große Ode an den Zufall und gleichzeitig ein erstaunlich lässig herausgeschüttelter Ausweis ernüchterten Vernunftglaubens. Wer weiß hier eigentlich, was er tut? Wer ist gut, wer ist böse?

Die Lage des unglücklichen Carl, der vielleicht doch etwas mit den Morden in der Kommune zu tun haben könnte oder mit dem Atomschmuggel, ist ja gar nicht so luxuriös, als dass er sich in existenzialistischem Gewimmere ergehen könnte. Er ist wirklich in ein außerirdisches Universum geworfen. Wer sich nicht kennt, kennt auch die anderen nicht. Herrndorf stellt jedem Kapitel ein Zitat voran. Das Beste stammt von einem gewissen Marek Hahn: "'Anspielungen, in dem Buch sind Anspielungen', dachte ich, 'ich will sofort mein Geld zurück'."

Dabei schreibt Herrndorf gar nicht so anstrengend postmodern, sondern im Gegenteil schnörkellos, ohne auf Sätze zu verzichten, die überbordenden Witz haben und Geist. Überhaupt ist "Sand" eine nicht nur bizarre, sondern vor allem auch lustige Angelegenheit. Es bleibt offen, ob Carl sein Gedächtnis wiedererlangt; gerettet ist er auf keinen Fall. Die Hoffnungen, er sei einer von den Guten, erfüllen sich nicht. Er selbst wusste das schon vorher. Wer ist ohne Sünden?

Man möchte diesen Roman, wenn man seine Lektüre beendet hat, am liebsten noch mal lesen. Auch, um sicherzugehen, dass man die Puzzleteile richtig zusammengesetzt hat. Und um ein zweites Mal die rabiate Gnadenlosigkeit zu bestaunen, mit der der Erzähler seine Figuren ins Verderben schickt.

Wolfgang Herrndorf ist mittlerweile dank seines im vergangenen Jahr veröffentlichten Jugendromans sogar Schullektüre in Costa Rica, Tatsache: Er darf sich seit "Tschick" (160 000 verkaufte Exemplare bislang) Bestsellerautor nennen, das Buch fand viele junge, aber noch viel mehr ältere Leser. Weil es rührend und romantisch ist, mit der Kindheit als Sehnsuchtsort. Die Naivität der Jungen in "Tschick" spiegelt sich in der Doofheit der Alten, die in "Sand" auftreten. Selten hatte ein Roman so einfältige Protagonisten! Die Helden der Jugend allerdings, Tschick und sein Freund, befinden sich gerade noch im Stande der Unschuld, ganz anders als die erwachsenen Anti-Helden.

"Sand" hat es verdient, genauso viele Leser zu finden wie "Tschick". Es hat die Qualitäten, ein Gegenstand kultischer Verehrung zu sein. Herrndorf hat es rechtzeitig fertig bekommen, obwohl er oft selbst nicht mehr daran glaubte, wie er auf seinem Blog "Struktur und Arbeit" mitteilte ( www.wolfgang-herrndorf.de ). Herrndorf ist schwer krank, auch davon legt er in seinen tagebuchartigen Einträgen Zeugnis ab.

Wolfgang Herrndorf: "Sand", Rowohlt, 480 S., 19,95 Euro