Geschwister-Scholl-Preis 2011

Liao Yiwu nennt China einen "moralischen Müllhaufen"

Der Schriftsteller wurde für seinen Zeugenbericht aus Chinas Gefängnissen geehrt. Bei der Verleihung übte er harsche Kritik an seiner Heimat.

München. Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu hat am Montagabend in München den Geschwister-Scholl-Preis 2011 erhalten. Die Auszeichnung erhielt er für sein Buch "Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“. "Liao Yiwus Buch ist auch ein Buch über Beziehungen. Die Beziehung zu seinem Land, das man Heimat nennen möchte, und nicht kann“, sagte die Laudatorin und Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. „Ich stehe beschämt vor den Geschwistern Scholl“, sagte Liao Yiwu in seiner Dankesrede.

"Das ist eine große Ermutigung für mich“, sagte der Dissident und Preisträger bei einer Pressekonferenz am Montagnachmittag. Dabei lobte er den deutschen Umgang mit der Geschichte und kritisierte die Haltung der USA gegenüber China. „Sie sehen China nur als Wirtschaftspartner“, sagte Liao Yiwu. Yiwu kritisierte seinen früheren Heimatstaat. "In China zählt nur das Geld, die Natur ist zerstört, die Moral herunter“, sagte der Schriftsteller. Die momentanen chinesischen Werte seien "ein moralischer Müllhaufen“. Der Geschwister-Scholl-Preis sei ein Zeichen dafür, dass Deutschland anders als China mit seiner Vergangenheit umgehe. Nach der Verleihung trug er mit Flöte und Gesang ein chinesisches Klagelied vor.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) schlug bei der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises den Bogen zur aktuellen Mordserie mit rechtsextremistischen Hintergründen – und kritisierte indirekt die Ermittlungsarbeit der Behörden. „Ein Staat, der so lange wegsieht, wenn rechtsextreme Gewalt einen Mord nach dem anderen begeht, der muss auch sich selbst in die Pflicht nehmen und nicht nur mit moralisch erhobenem Zeigefinger auf andere deuten“, sagte Ude.

Vier Jahre im Arbeitslager

In seinem Buch beschreibt Liao Yiwu seine Zeit im Gefängnis und Arbeitslager zwischen 1990 und 1994. "Offizielle Folter durchs Gefängnispersonal und privater Sadismus in der Zelle zwischen den Gefangenen waren Alltag“, sagte Müller. Anschließend beschlagnahmten chinesische Behörden mehrfach seine Manuskripte, so dass er das Buch neu schreiben musste. Im Juni dieses Jahres konnte er sich nach Deutschland absetzen und sein Buch veröffentlichen. Das Schreiben seines Buches sei für ihn ein "schmerzhafter Prozess“ gewesen. "Dass ich diesen Preis bekomme, ist eine große Ermutigung für mich, aber auch für meine Landsleute in China“, sagte er.

Liao Yiwu wurde 1990 verhaftet, nachdem er am Vorabend des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 ein kritisches Gedicht verfasst hatte. Bis dahin galt er als unpolitisch. Mittlerweile lebt der Schriftsteller im Exil in Deutschland.

"Großer Künstler und mutiger Chronist"

Der Geschwister-Scholl-Preis soll "moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut“ fördern. Er wird vom bayerischen Landesverband im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem Kulturreferat der Stadt München verliehen und erinnert an die beiden Geschwister Hans und Sophie Scholl, die wegen ihres Widerstands gegen die Nazis am 22. Februar 1943 hingerichtet wurden. Liao Yiwu sei "ein großer Künstler und ein mutiger Chronist zugleich“, hieß es in der Jury-Begründung. Der Kulturreferent der Stadt München, Hans-Georg Küppers, sagte zur Begründung, der Autor fechte "einen literarischen Kampf für die Wiederherstellung der Menschenwürde“ aus.

Der mit 10.000 Euro dotierte Geschwister-Scholl-Preis wurde Liao Yiwu in der großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität überreicht. Die Auszeichnung wird seit 1980 zum 32. Mal vergeben. Zu den bekanntesten Preisträgern der letzten Jahre zählen der italienische Journalist Roberto Saviano, der israelische Schriftsteller David Grossman und die russische Journalistin Anna Politkowskaja, der der Preis 2007 nach ihrer Ermordung posthum verliehen wurde.