Camus als Kammerspiel zeigt den Leerlauf des Lebens

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Annette Stiekele

Jette Steckels Inszenierung von "Der Fremde" in der Gaußstraße

Hamburg. Ein Schuss peitscht durch die Stille. Noch hat er sein Ziel verfehlt. Diese Szene hätte jeden James-Bond-Streifen veredelt: Sie ist lautstarker Auftakt eines minimalistischen, philosophischen Spiels, das Regisseurin Jette Steckel mit der Bühnenfassung von Albert Camus' Roman "Der Fremde" im Thalia in der Gaußstraße am Freitagabend zur Premiere brachte.

Die von Florian Lösche mit orangefarbenem Sand ausgelegte Drehbühne wird zur Traum- und Projektionsfläche. Sie könnte die Wüste darstellen oder auch die Sonne selbst. Der Song "Exit Music (For A Film)" der Gruppe Radiohead dringt aus den Boxen. Über desillusionierten Gitarren mahnt eine nasale Stimme zum Aufwachen. Es sei der Tag der Flucht.

Vier dunkelhaarige, in schönstes Existenzialistenschwarz gewandete Schauspieler - drei Männer und eine Frau - entern die Bühne und werden flugs zu Protagonisten eines Gerichtsprozesses. Jeder gibt hier mal den Angeklagten, den Franzosen Meursault. Autor Camus selbst hatte in seinen Tagebüchern erwähnt, dass er beim Schreiben an mehrere Meursaults dachte: Einer davon sei er selbst.

Ein Scheinwerfer spendet gelbes Licht. Die gleißende Sonne Nordafrikas. Dort, wo sich das Ungeheuerliche zugetragen hat. Scheinbar gefühllos zielte Meursault auf einen Araber, nachdem dieser ein Messer gezückt hatte. Vielleicht war es Notwehr, doch anschließend feuerte er vier weitere Schüsse auf den Niedergestreckten ab. Fast noch mehr erzürnt die Kläger jedoch, dass dieser mysteriöse, schweigsame Mann sich frisch von der beerdigten Mutter weg in eine Affäre mit einer jungen Frau stürzt. Ist er ein kalter Killer oder ist er einfach nur einer von uns?

Hier deutet sich bereits ein Dilemma der Inszenierung an. Der Roman verarbeitet überwiegend abstrakte, innere Regungen. Die äußere Handlung ist eher Nebensache.

Mirco Kreibich, Daniel Lommatzsch, Julian Greis und Franziska Hartmann geben furiose, fiebrige Traumgestalten ab, sie jagen sich, sie schlagen sich, sie rennen, als gelte es einen Sinn aus dem Sand herauszulaufen. Mal wird Mirco Kreibich in ein kunstvolles Strumpfhosennetz verstrickt zum Zeugen. Steckel ringt dem Stoff unverhofft spielintensive Szenen für das Unerbittliche ab. Klug setzt sie auf den Reiz der Reduktion. Spätestens wenn die Schauspieler die Scheinwerfer auf die geblendeten Zuschauer richten, wird deutlich, dass das, was hier verhandelt wird, uns alle betrifft.

Dass die Welt auf die Sinnfragen, die der Mensch an sie richtet, schweigt, wissen wir spätestens, seit Albert Camus 1942 "Der Fremde" geschrieben hat. Das Gefühl des Entsetzens und der Ohnmacht nannte er "das Absurde". Fehlende Trauer auf einer Beerdigung ist heute nicht notwendig ein Affront. Aber noch immer kränkt es uns, dass wir zum Sterben verdammt sind.

Steckel interessiert dann auch vor allem die Bedeutung des Absurden für die Lebenden. Der Zuschauer durchleidet eine Art existenzieller Nahtod-Erfahrung im Rücklauf. Das ist schlüssig, aber konfrontiert auch aufrichtig. Und hebt das Geschehen über den reinen Diskurs hinaus. Vielleicht will sie am Ende zu viel erklären. "Nichts ist von Bedeutung", lässt sie den erhitzten Daniel Lommatzsch als Meursault sagen, als er schließlich zum Tode verurteilt wird. Da hat sich der Zwiespalt längst durch das intensive Spiel vermittelt.

Der Fremde Thalia in der Gaußstraße, Gaußstraße 190, T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de