Schauspielhaus

"Man muss die Angst im Ensemble brechen"

Foto: Roland Magunia

Alice Buddeberg inszeniert das Künstlerdrama "Die Möwe" von Anton Tschechow am Schauspielhaus. Der Erfolgsdruck ist groß.

Hamburg. Käte hat schon mal auf der Kantinenbank im Schauspielhaus Platz genommen und sich ausgestreckt. Der Hund von Alice Buddeberg wirkt erschöpfter als die junge Regisseurin. Sie ist die Nächste, die dem Haus an der Kirchenallee mal wieder einen künstlerischen Erfolg liefern soll, nachdem der Auftakt mit "Cyrano" und "Der Fall der Götter" durchwachsen war. "Der Druck, der auf dem Haus und dem Ensemble lastet, ist manchmal schon zu spüren", bekennt Buddeberg. "Aber ich versuche mich davon freizuhalten."

Die junge Frau wirkt tough, ihre Kleidung signalisiert harte Arbeit: graues Kapuzenshirt, Jeans, schwarze Adidas-Turnschuhe, Marke Samba. Wie jemand, der anpacken kann. Doch gefordert ist weniger Muskelkraft als vielmehr psychologisches Gespür: "Die Reihe von Misserfolgen hat das eigentlich sehr gute Ensemble ein wenig hölzern gemacht. Man muss die Angst brechen", sagt sie. "Man" meint in diesem Fall "ich", aber Alice Buddeberg stellt sich nicht in den Mittelpunkt. Sie ist eine Teamarbeiterin.

Für ihren Einstand auf der großen Bühne im Schauspielhaus hat sie zusammen mit der Leitung Anton Tschechows Künstlerdrama "Die Möwe" ausgesucht, das sie bereits als Diplominszenierung bearbeitet hat. "Es ist ein tolles Stück für Schauspieler, und es ist modern, weil es die kurze Halbwertszeit von Plänen, Ambitionen und Träumen zum Thema macht. In der ,Möwe' hat Tschechow das erschöpfte Selbst auf den Punkt gebracht", begründet die 29 Jahre alte Regisseurin ihre Wahl.

Tschechows 1895 geschriebenes Drama spielt auf einem Landsitz in der russischen Provinz, wo die Bewohner und Gäste sich gegenseitig anöden. Nur Kostja, Sohn der Schauspielerin Irina Arkadina, sprüht vor Elan. Er hat ein Stück geschrieben, das seine Geliebte Nina aufführen soll. Die Mutter nörgelt ständig an Kostja herum und stellt sein Talent vor allem vor ihrem Freund, dem erfolgreichen Schriftsteller Trigorin, infrage. Nach der Aufführung kommt es zum Eklat, die Gesellschaft trennt sich und reist nach Moskau. Kostjas Muse Nina verlässt ihn und schließt sich Trigorin an. Jahre später treffen Kostja, auch er inzwischen erfolgreich, und Nina sich wieder.

"Was möchte man als junger Mensch erreichen, und wie schnell verliert man dieses Wollen?", erklärt Alice Buddeberg den Fokus ihrer Inszenierung. Als Motor treibt die Figuren die Liebe und manchmal auch die Selbstliebe an. "Dann werden andere für das eigene Leben benutzt." Am meisten identifiziert die Regisseurin sich natürlich mit Kostja, aber manchmal auch mit Trigorin. "Wir erfahren von Tschechow nicht viel über die Figuren, dennoch hat man beim Zuhören ihrer Gespräche das Gefühl, sie zu kennen." Auf 90 Minuten hat Buddeberg das Stück, das Tschechow als "Komödie" bezeichnet hat, heruntergekürzt. Bei anderen Regisseuren dauert es nicht selten eine Stunde länger. Eine postdramatische Inszenierung lässt "Die Möwe" nach Buddebergs Auffassung nicht zu, ein naturalistisches Bühnenbild aber genauso wenig. "Man muss sich für die Figuren und ihre Psychologie interessieren."

Nachdem Alice Buddeberg vor drei Jahren ihren Abschluss an der Theaterakademie Hamburg gemacht hat, arbeitete sie in Frankfurt, Bremen, Jena und Göttingen und inszenierte vor allem Klassiker: "Clavigo", "Hamlet", "Der Menschenfeind", "Kabale und Liebe" und "Hedda Gabler". Diesen Stücken könne man vertrauen, sie hielten viel aus, sagt sie. "Mich interessiert die Reibung zwischen der Entstehungszeit der Stücke und der Gegenwart." Junge Gegenwartsdramatik findet sich dagegen nicht sehr häufig in ihrem Portfolio. "Wenn ein IT-Manager namens Torsten eine Werbetexterin namens Dörte trifft und die dann ihre Alltagsprobleme diskutieren, ist mir das zu banal."

Ein Schlüsselerlebnis für die in Frankfurt geborene und aufgewachsene Akademikertochter war eine "Hamlet"-Inszenierung von Nikolaus Stemann, die sie 2001 als Gastspiel in ihrer Heimatstadt gesehen hat. "Das war mein Leben und das meiner Generation, das dort verhandelt wurde", erinnert sie sich an diesen besonderen Theaterabend. In der Schule habe sie selbst Theater gespielt, "aber dabei immer wie eine Regisseurin gedacht".

Nach dem Abitur zog Buddeberg nach Berlin. "Das war mein Moskau", spielt sie auf den Sehnsuchtsort in vielen Tschechow-Dramen an. Doch von Berlin verschlug es sie schnell nach Hamburg an die Theaterakademie. "Am Anfang fühlte ich mich hier sehr verloren. Es war, wie über Watte zu gehen. Inzwischen liebe ich die Stadt, weil sie viel gemütlicher als das ruppige Frankfurt ist. Dort hat man immer das Gefühl, die Rolltreppen fahren schneller, weil die Leute so viel zu tun haben."

Kurz vor der Premiere wirkt Alice Buddeberg erstaunlich ruhig und abgeklärt. Und das trotz einer wegen Krankheit nötigen Umbesetzung und eines engen Probenplans. "Warum soll ich mich verrückt machen?", fragt sie und zuckt dabei mit den Achseln. Gleich wird sie sich die immer noch auf der Bank dösende Käte schnappen und mit ihr an der Alster spazieren gehen. Um den Kopf freizubekommen und Probebühne und Kantine mit frischer Luft zu tauschen. Über die Protagonisten in der "Möwe" sagt sie: "Ich kann deren Erschöpfung am Leben nachvollziehen." Alice Buddeberg jedoch ist das genaue Gegenteil einer Tschechow-Figur.

Die Möwe Premiere Do 20.10., 20.00, Deutsches Schauspielhaus, Karten 10,- bis 62,50, T. 24 87 13