Offen gesagt

Post aus dem Leben

Eine Betrachtung von Birgit Reuther

Früher, in Studententagen, gehörte das Schreiben von Briefen und Postkarten zwingend zum Alltag dazu. Das universitäre Städtchen war klein, doch der Kopf so voll. Und die Freunde, sie wohnten übers Land verteilt.

Natürlich telefonierten wir auch. Nachts, zum Mondscheintarif. Stundenlang. Genauso häufig und ausdauernd schickten wir aber unsere Gedanken und Gefühle auf Papier hin und her. Nicht, weil wir im Urlaub waren. Nein, weil wir im Leben waren. Kommst du mit in den Alltag? Unbedingt. Indem wir Zitate unserer Lieblingslieder mit unserem Herzschmerz niederschrieben. Indem wir tagelang in der Stimmung eines Buches verharrten und auch unsere Texte dann ein wenig nach Hemingway oder auch Stuckrad-Barre klangen. Indem wir Andeutungen machten, die sich nur zwischen den Zeilen verstehen ließen.

Anderen zu schreiben hilft, sich selbst zu finden. Seine eigene Stimme, seine eigenen Seiten. Wir klebten Schokoladenpapiere oder Kinokarten in unsere Briefe. Denn sie waren Belege, dass wir existierten auf dieser Welt.

Zugegeben, die Selbstvergewisserung, die im Kontakt zu anderen liegt, funktioniert heute über Facebook viel schneller. Statusmeldungen, Fotos, Videos - alles da. Doch mitunter schreiben wir uns noch mit echter Tinte. Wir setzen uns dann ins Café. Sand vom Elbstrand, eine Serviette aus New York. Und Worte. Zum Anfassen.