Würdelos und ohne Leidenschaft

Christiane Pohle inszeniert Tschechows "Drei Schwestern" am Thalia-Theater. Ein Gewinn für das Haus ist das nicht

Hamburg. Nein, diese "Drei Schwestern", die am Donnerstag in der Regie von Christiane Pohle Premiere hatten, sind kein Gewinn für das Thalia-Theater. Viel zu farblos und uninteressant sind diese Charaktere, die ihr vertanes Leben, ihre freudlosen Sorgen in der Provinz mit hoffnungsvollen Zukunftsträumen von einem wahrhaftigen, schöpferischen Leben in Moskau konterkarieren. Aber so langweilig wie hier, so desinteressiert aneinander dürfen sie einfach nicht sein. Sie spielen nicht miteinander, sie sind isoliert. Es gibt keinen Wechsel von Geheimnis und Direktheit, von Stille und Ausbruch, von Unruhe und Gelöstheit. Temperament heißt hier Geschrei. Und Ruhe wird mit dem Nichts verwechselt.

Schon zu Beginn: minutenlange Dunkelheit. Andrej, der Bruder und die Hoffnung der Familie, bastelt beinahe unsichtbar und unhörbar vor sich hin. Sebastian Zimmler wird sich für den Rest des Abends nicht mehr aus dieser Unscheinbarkeit lösen. Der erste Akt, die Geburtstagsfeier der Jüngsten, Irina, verheißt bei Tschechow Freude und Glück. In Pohles Inszenierung klatscht sich Irinas Schwager, Maschas Mann Kulygin, eine Torte ins Gesicht. Nun ja.

Wer sind diese Menschen, die da über das Vergehen der Zeit und der Illusionen auf der Bühne aneinander vorbeireden? Wo leben sie? Wann und wo spielt diese Inszenierung? Statt eines großen Gesellschaftspanoramas, statt Menschen, die vor Langeweile und Faulheit ersticken, die sie mit sinnloser, halb schlaftrunkener Geschäftigkeit übertünchen, wuseln und wurschteln hier Figuren durcheinander, die weder zueinander noch zum Publikum eine Beziehung aufbauen können.

Sie leben in einer hässlichen Höhle unterm Dach (Bühne: Annette Kurz), die Frauen laufen meist in Unterwäsche oder im Minirock herum (Kostüme: Maria Bahra). Heißt das, sie legen ihr Innerstes bloß? Nein. Und was das Schlimmste ist: Diese Menschen haben nichts Großes, an dem sie scheitern. Sie haben nichts Kleines, das sie kümmerlich aussehen lässt. Und selbst das Mittelmaß, das sie gewöhnlich und dennoch liebenswert machen könnte, ist ihnen fremd. Diese Menschen, so wie sie hier auf der Bühne stehen, sind leer, und sie haben keine Würde.

Irina scheint durchgeknallt. Mal kraucht Lisa Hagmeister auf allen vieren, versteckt sich hinter Zweigen oder steht mit umgeknickten Füßen da. Mascha (Cathérine Seifert) ist bockig, und selbst die Liebesszene zwischen ihr und Werschinin wirkt ohne Leidenschaft, nach der beide sich doch verzehren. Werschinin (Alexander Simon) träumt, wie schön das Leben in 200 Jahren sein wird, ohne zu merken, wie alles sich um ihn herum zersetzt. Maschas Ehemann ist ein braver Spießer. Auf Tusenbach passt der Groucho-Marx-Spruch "Ich vergesse nie ein Gesicht, aber in Ihrem Fall mache ich eine Ausnahme." Der Arzt Tschebutykin ist bei Hans Kremer ein trauriger Säufer. Und Natascha, die Andrejs Ehefrau wird, ihn betrügt und die Familie mit ihrer Fruchtbarkeit erpresst, ist bei Birte Schnöink, ein Luder, ein Hascherl. Nur Olga, die Älteste, die Lehrerin ist, bekommt bei Victoria Trauttmansdorff jene Lebenskraft und Klugheit, die sie zum Menschen macht, mit dem man leidet.

Und das Ende? Natascha findet eine Gabel in ihrem Kleid, umarmt später eine Wand. Irina grinst bei der Nachricht von Tusenbachs Tod. Kulygin irrt mit einer Gesichtsmaske herum und läuft gegen einen Pfeiler. Mascha wirft sich Werschinins Jackett über den Kopf. Olga sagt: "Bald werden wir wissen, warum wir so leben." Wirklich?