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ARD-Film "Kehrtwende" mit Dietmar Bär

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Der andere Dietmar Bär: Im WDR-Drama "Kehrtwende" spielt er einen prügelnden Familienvater. Das Thema häusliche Gewalt aus Tätersicht.

Hamburg. Manchmal reicht es, wenn seine Frau den Wagen vor der Ampel abwürgt. Oder wenn der Sohn ihn beim Schach besiegt. Dann brennt bei dem Familienvater Thomas Schäfer eine Sicherung durch. Und er schlägt zu.

Dietmar Bär spielt in "Kehrtwende" einen prügelnden Familienvater, der seine Gewaltausbrüche nicht mehr unter Kontrolle bekommt. Es ist ein ungewohntes Bild: Dietmar Bär, das ist doch der knuffige Kommissar aus dem Kölner "Tatort" mit der Vorliebe für Currywurst und Kölsch. Lange hat Bär nach einem Drehbuch fernab seines kumpelhaften Rollenklischees gesucht. In "Kehrtwende" bricht er nun mit seinem Image und ist nicht wiederzuerkennen: brutal, gereizt und aggressiv.

45 000 Frauen suchen jährlich mit ihren Kindern Zuflucht in Frauenhäusern, um Misshandlungen durch ihre Lebenspartner zu entkommen. Allein in Hamburg flohen 2009 853 Frauen und 655 Kinder in diese Zufluchtsstätten. Dass die Dunkelziffer weitaus größer ist, befürchtet auch Dietmar Bär: "Ich halte es für ein Tabu in unserer ach so offenen Gesellschaft", sagt er.

Regisseur Dror Zahavi ("Zivilcourage") behandelt das Thema häusliche Gewalt aus der Perspektive des Täters, des spießigen Mathelehrers Schäfer, der in der Schule gemocht, zu Hause jedoch gefürchtet wird. Lange hält dieser die Fassade der glücklichen Familie aufrecht: Mit dem Sohn geht er zelten, seine Frau Viola (gespielt von Inka Friedrich) bekommt ein Auto und Schmuck geschenkt. Doch der Schein der Vorstadtidylle trügt: Bald prügelt er seine Familie krankenhausreif. "Du bist voll krank", schreit seine Tochter, während sich die Mutter auf dem Teppich im Schlafzimmer krümmt. "Ich hab das nicht im Griff. Sie bringt mich einfach dazu", erwidert der Prügel-Papa, "ich mach's wieder gut, okay?"

Aber nichts ist okay. Immer wieder dreht der Familienvater in dem WDR-Drama durch. Als seine Familie auseinanderzubrechen droht, sucht er Hilfe bei einem Anti-Gewalt-Trainer.

Drehbuchautor Johannes Rotter war es ein Anliegen zu zeigen, dass gewalttätige Männer nicht nur "tätowierte Betrunkene" sind, sondern häusliche Gewalt auch in der Oberschicht stattfindet. "Mir ging es besonders auch darum, wie die Familie mit Scham umgeht, welches Lügenkonstrukt, welche Tabuzonen die Frau und die Kinder aufbauen, damit die Umwelt nicht erfährt, was sich zu Hause abspielt."

Das aufrüttelnde und sensibilisierende Drama von Dror Zahavi beeindruckt nicht nur durch das intensive Spiel von Dietmar Bär. Auch seine Partnerin Inka Friedrich zeigt eindringlich die Ohnmacht und Zerrissenheit einer gedemütigten Ehefrau, die den Traum von einer perfekten Familie nicht aufgeben will. Zahavi serviert seinen Zuschauern keine vorgefertigten Lösungen, kein Happy End - aber er zeigt Wege aus der Gewalt.

Kehrtwende: heute 20.15 ARD, im Anschluss hart aber fair: 21.45 "Der Feind in der Familie"