Literatur

Leipziger Buchmesse startet am Donnerstag

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Über 2000 Händler und Verleger stellen aus. Den Schwerpunkt bildet in diesem Jahr Serbien. Und die Buchmesse gibt's auch bei Facebook.

Leipzig. 2150 Aussteller aus 35 Ländern zeigen vom 17. bis 20. März ihre Neuerscheinungen, Schwerpunktland in diesem Jahr ist Serbien. Und noch etwas ist neu bei der Leipziger Buchmesse 2011: Erstmals präsentiert sich die Buchmesse im sozialen Netzwerk Facebook. Seit 1. Dezember 2010 ist die Seite geschaltet (facebook.com/leipzigerbuchmesse) , eine Woche vor Beginn waren rund 4.400 Freunde registriert. Das sei mehr, als die Verlage einzeln mit ihren Auftritten zusammenbekommen, sagte Messe-Sprecherin Gesine Neuhof. Im Mittelpunkt des Auftritts steht, was bei allen sozialen Netzwerken den Reiz ausmacht: Geplauder, Ankündigen, mehr oder weniger Witziges, Eigenwerbung.

Letztlich soll die Facebook-Präsenz das, was alle PR-Instrumente sollen: Bekanntheit schaffen. "Klar wollen wir auch Gäste anlocken und Tickets verkaufen“, sagte Neuhof. Kundenbindung stehe weit oben. Aber darüber hinaus soll das soziale Netzwerk mehr: "Wir wollen vor allem das Zusammengehörigkeitsgefühl der Buchmesse-Fans stärken“, sagte sie. Soziale Netzwerke seien dazu ideal geeignet, der Austausch mit den Gästen sei ein ganz anderer, viel direkter. "Man erfährt, was genau die Menschen an der Buchmesse interessiert, was sie suchen, was sie vermissen“, sagte Neuhof.

Und dafür stellt sich auch die Messe auf Facebook ganz anders dar als in den üblichen Mitteilungen und Flyern. Kleine Wettbewerbe werden ausgelobt, die ältesten Messe-Plakate gesucht, Mitarbeiter lassen sich kostümiert ablichten, kuriose Buchtitel bekommen einen Extraplatz. 70 Prozent der Nutzer seien weiblich, sagte Neuhof. Das entspreche ziemlich genau auch dem Verhältnis bei den realen Buchmesse-Besuchern. Die Facebook-Gäste seien außerdem schon lange nicht mehr nur jung: "Die über 50-Jährigen sind stark im Kommen“, sagte Neuhof. Und die sind auch auf der Messe nach wie vor stark vertreten.

Geringe Aufmerksamkeit für Literatur Südosteuropas

Das soll sich ändern, dafür wählte die Buchmesse Serbien zum Schwerpunktland der diesjährigen Buchmesse aus. Der Direktor der Leipziger Buchmesse, Oliver Zille, sieht noch immer eine zu geringe Aufmerksamkeit der deutschen Verlage für die Literatur Südosteuropas. An Experten für die großen Sprachen gebe es in den Verlagen keinen Mangel. Aber Übersetzer oder Lektoren zu finden, die sich mit dem Balkan auskennen, sei schwierig, sagte Zille in Leipzig. Erst langsam finde zum Beispiel die Literatur des ehemaligen Jugoslawien ihren Weg zu den deutschen Lesern und Verlagen. Der starke Fokus, den die Leipziger Buchmesse seit 2007 auf diese Region lege, beginne sich langsam auszuzahlen. Strukturen würden aufgebaut oder funktionierten schon, Kontakte würden geknüpft und gefestigt, sagte Zille. Bereits in den vergangenen Jahren stellten sich Nationen Südosteuropas als Schwerpunktländer auf der Buchmesse vor, so zum Beispiel 2007 Slowenien und 2008 Kroatien.

Diese Netzwerke von Kontakten zu Verlagen, Literaturförderern und Medien sei entscheidend, um auf dem deutschsprachigen Markt Fuß fassen zu können. Dazu gehöre aber auch immer die Bereitschaft und Unterstützung in den Heimatländern. Für den diesjährigen Schwerpunkt Serbien habe Belgrad 400.000 Euro bereitgestellt, sagte Zille. Die Kontakte bestünden schon länger und könnten jetzt vertieft werden.

Auch Länder wie Albanien wollen mit ihren Autoren auf den deutschen Buchmarkt. "Aber jedes Jahr ein neues Schwerpunktland aus der Region, das ist für Leipzig keine Option “, schränkte Zille das Engagement der Buchmesse ein. Vor allem das aktuelle literarische Potenzial müsse es hergeben, dass ein Land besonders betrachtet werde. In den nächsten Jahren sei eine Region wie das Baltikum als Schwerpunkt für die Leipziger Buchmesse denkbar. Längerfristig werde ein Fokus aber auch auf dem Balkan bleiben.

In der serbischen Literatur könnten deutsche Leser zahlreiche Anknüpfungspunkte finden. Schwerpunkt der Autoren sei immer noch die Aufarbeitung der Jugoslawienkriege der 1990er Jahre und die Kriegsschuldfrage. "Serbien trägt hier ein schweres Erbe'', sagte Zille. Die öffentliche Wahrnehmung des Landes in Deutschland sei nicht zuletzt wegen des Krieges negativ belastet. Junge serbische Autoren blickten aber in die Zukunft und in Richtung Europa. ''Sich der eigenen Geschichte zu stellen und dabei die Zukunft in den Blick zu nehmen, das ist die große Herausforderung“, sagte Zille.

Schwerpunkt Serbien

Einen Einblick in den aktuellen serbischen Buchmarkt sollen mehr als 30 Erstveröffentlichungen geben. Außerdem sollen serbische Autoren ihre Werke vorstellen. 60 werden in Leipzig erwartet. Ein Höhepunkt verspricht am 17. März das Belgrader Literaturfestival mit Lesungen und Balkan-Musik im Veranstaltungshaus Skala Leipzig zu werden. In Serbien werden jährlich rund 14.000 Titel veröffentlicht und mehr als sechs Millionen Bücher verkauft, wie die Buchmesse bekannt gab. Die höchsten Wachstumsraten verzeichnen Lehrbücher und die Belletristik. Das Verlagswesen ist zu 83 Prozent in privatem Besitz, lediglich elf Prozent befinden sich in staatlicher Hand. Es gibt mehr als 450 Verlage, die Bücher, Comics, Magazine und Produkte aus dem Bereich Multimedia anbieten.

Das Lesen gehört zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der sieben Millionen Serben, wie die Leipziger Buchmesse unter Berufung auf eine Umfrage der serbischen Nationalbibliothek sagte. Einmal im Jahr im Oktober findet die Belgrader Buchmesse statt, die zuletzt rund 250.000 Besucher und 1.000 Aussteller zählte. Die Möglichkeit, Bücher über das Internet zu bestellen, nimmt den Angaben zufolge ein Prozent der serbischen Bevölkerung in Anspruch.

Vor 50 Jahren gewann Ivo Andric den Literaturnobelpreis. Immer noch hat der 1975 in Belgrad gestorbene Autor, der vor allem Geschichten über das Alltagsleben seiner Heimat schrieb, großen Einfluss auf die serbische Literatur.

Buchmesse-Direktor Zille sorgt sich um kleine Verlage und Händler

Oliver Zille, sorgt sich derweil um die Zukunft der kleinen unabhängigen Verlage und Buchhändler. "Der Konzentrationsprozess in der Branche geht weiter“, sagte Zille. Das beziehe sich sowohl auf die Verleger in Deutschland als auch auf das Sortiment. Kleine Verlage und Randthemen hätten immer weniger Chancen, im Handel gelistet zu werden. "Für viele Kleine in der Branche ist ein Online-Anbieter wie Amazon mittlerweile der wichtigste Buchhändler“, sagte Zille.

Die Buchmesse müsse in dieser Situation speziell auf kleine Verlage und unabhängige Buchhändler zugeschnittene Angebote machen. Sowohl Fach-Veranstaltungen am Rande der Messe seien wichtig, vor allem aber auch der enge Kontakt mit den Lesern. "Veranstaltungen sind für Klein-Verlage ganz wichtig“, sagte Zille. Wer meine, er könne allein mit einem gelungenen Internetauftritt Leser gewinnen, "kann seine Potenziale nicht ausschöpfen“. Eine gute Präsentation sei wichtig, aber die persönliche Ansprache bleibe entscheidend.

Einer generellen Spezialisierung der kleinen Buchhändler steht Zille skeptisch gegenüber. "Auf dem Land wird das überhaupt nicht funktionieren“, sagt Zille. Da müsse ein Händler das ganze Sortiment anbieten. Schon einer Halb-Millionen-Stadt wie Leipzig seien die Chancen, mit einem ausgesuchten Sortiment bestehen zu können, eher gering. Einzig in Millionenstädten wie Berlin, Hamburg oder München können solche Konzepte erfolgsversprechend sein.

Die am Donnerstag beginnenden Buchmesse ist in diesem Jahr um rund vier Prozent gewachsen. Das Flächenwachstum komme zumeist von den Großverlagen. „Das Ausstellerwachstum hingegen kommt ganz klar von den Kleinverlagen“, sagte Zille. (dapd/Holger Mehlig)