Elbphilharmonie Konzerte im Körber Forum

"Meine Musik hat eine gewisse Gemütlichkeit"

Der Elektro-Künstler Thorsten Soltau inventarisiert als Klangsammler die akustische Welt und verarbeitet sie am Computer zu Kompositionen.

Hamburg. Es wird „heimelig“ bei ePhil, der neuen Reihe für elektronische Musik im Rahmen der Elbphilharmonie Konzerte. Jedenfalls wenn man den Worten von Thorsten Soltau trauen will, dessen plunderphonische Kollagen und surreale Hörspiele am Donnerstag ab 21 Uhr im Körber Forum zu hören sein werden. „Meine Musik hat eine gewisse Gemütlichkeit“, so behauptet der erklärte Abstraktionist und Experimentalmusiker. Der Alltagsehrfahrung von Otto-Normal-Hörer entspricht das sicher nicht, doch aus Soltaus Sicht macht es durchaus Sinn.

Denn obwohl der 23-jährige hauptberufliche Verwaltungsfachangestellte als Laptop-Musiker eigentlich zu den High-Tech-Freaks und zum letzten aufrechten Fähnlein der Avantgarde gehören sollte, offenbart Soltau im Gespräch vor allem ein zutiefst konservative Seite. Er spricht von Sorgfalt, die er „walten lasse“ und von Klängen, die „an mein Ohr dringen“, und er achtet stets auf die korrekte Verwendung des Präteritums. Auch seine Kunst sei nicht an den jeweils neusten Möglichkeiten des Computer-Schnickschnack orientiert: „Ich binde Dinge ein, die so auch in den 60er-Jahren gelaufen wären.“

Soltaus dem hektischen Betrieb entrückte „Gemütlichkeit“ ist wohl vor allem die Haltung eines Menschen, der gerne genau hinschaut: „Man geht heute sehr oberflächlich durch die Welt. Ich finde es schön, wenn man sich Zeit nimmt, die kleinen Dinge zu betrachten.“ Eben dies tut Soltau. Als Fotograf, der mit dem Makroobjektiv die Welt in Detailaufnahmen wahrnimmt, und als Klangsammler, der stets ein Aufzeichnungsgerät in der Tasche trägt, und die beiläufigsten Ereignisse der akustischen Welt inventarisiert, um sie als Rohmaterial für seine Kompositionen zu verwenden.

Am heimischen Computer werden diese akustischen Fundstücke auf ihre Kombinierbarkeit und Verwandlungsfähigkeit hin abgehorcht. Was etwa auf seiner CD „Screening. Delfter blau simultan“ wie das Knistern einer alten Schallplatte klinge, sei in Wirklichkeit gefilterter und beschleunigter Vogelgesang, verrät der Klang-Rechercheur.

Mit großem Ernst spricht Soltau von seinem „Schaffen“ und entsprechend minutiös ist seine Arbeitsweise: „Es kann durchaus passieren, dass ich an einem Ton mehrere Tage feile.“ Doch solche Sorgfalt alleine sichert noch keinen Wert. Auch elektronische Musik muss für ihn in dinglicher Form als CD – oder besser noch, in Vinyl gepresst – handfest greifbar werden. Solche Artefakte, mit eigenem Artwork geschmückt, gibt Soltau dann auf seinem eigenen Label heraus. Und in seinem Online-Magazin schichtet er zum Schutze der Kunst gegen die anstürmende Flut der digitalen Beliebigkeit einen intellektuellen Überbau auf.

Seine künstlerische Heimat hat der im aus dem friesischen Zetel lebende Thorsten Soltau in der „Hörbar“ gefunden. Das kleine Hinterhof-Kino in der Brigittenstraße ist der Tummelplatz der hanseatischen Elektro-Frickler. Hier trifft man etwa Hamburgs Elektro-Urgestein Asmus Tietchens. Dessen Album „Alpha Menge“ brachte seinerzeit auch Soltau zur Elektroakustik. Gerade die „menschenferne Eleganz“ dieser aus reinen Sinustönen bestehenden Musik habe ihn beeindruckt, sagt er heute. Die böse aber naheliegende Frage, ob nicht das ganze Genre der E-Musik und seine Vertreter in ihrem Wesen etwas Autistisches hätten, bewegt Soltau mehr zu einem Schmunzeln als zu einem Dementi: „Das wird allgemein gerne behauptet.“

So futuristisch die experimentelle, computergenerierte Musik auch anmutet, in vielen Fällen scheint ihr das elementare und archaische Bedürfnis zugrunde zu liegen, mit Bordmitteln eine autarke und authentische künstlerische Welt zu errichten. Die ist dann vielleicht klein, aber mein. „Ich mache diese Musik für eine Nische“, gesteht auch Thorsten Soltau. „Ich fühle mich in dieser Nische sehr, sehr wohl. Ich möchte Geheimtipp bleiben.“

ePhil: Thorsten Soltau: Do 24. Februar 2011, 21:00 Uhr, Körber-Forum