ARD-Film

"Der verlorene Sohn" - Der Krieger vor deiner Haustür

Foto: dpa / dpa/DPA

In der ARD brilliert Kostja Ullmann in dem Thriller "Der verlorene Sohn" als islamistischer Fundamentalist in der niedersächsischen Provinz.

Als im April 2009 vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf das Strafverfahren gegen die Drahtzieher der terroristischen Sauerland-Gruppe eröffnet wurde, war der passende Film zum Prozess schon längst im Kasten. Regisseurin Nina Grosse hatte ihn inszeniert, den Film über einen terrorverdächtigen deutschen Islamkonvertiten. Jedoch blieb ihr subtiles Kammerspiel zunächst drei Jahre lang in den Schubladen des NDR vergraben. Die Gründe will der Sender nicht kommentieren. Vielleicht war es dem fehlenden Mut der Programmmacher geschuldet, den schweren Stoff zu platzieren; vielleicht ging der 90-Minüter, der noch unter der Leitung der ehemaligen Fernsehfilmchefin Doris J. Heinze entstand, in den Querelen ihrer Suspendierung unter.

"Der verlorene Sohn" hat in den vergangenen drei Jahren nichts an Aktualität eingebüßt. Es ist ein Film über den Terror. Aber er spielt nicht am Hindukusch, nicht in der pakistanischen Wüste - der islamische Extremismus hält Einzug in die norddeutsche Vorstadtidylle. "Bist du immer noch auf dem Trip mit deinem Dschihad-Scheiß?", fragt Markus seinen großen Bruder Rainer. Der ist gerade nach zweijähriger Haft in Israel, wo er wegen des Verdachts auf Unterstützung einer islamistischen Terrorgruppe einsaß, nach Deutschland abgeschoben worden. Zurück zu Mutti in die niedersächsische Provinz. "Der Dschihad ist vorbei", beteuert der Konvertit. Keiner glaubt ihm. Nachbarn schielen über die Zäune ihrer Vorgärten, Zivilermittler beobachten den 22-Jährigen auf Schritt und Tritt. Resozialisierung unmöglich. Nur Rainers Mutter, leidenschaftlich gespielt von Katja Flint, glaubt, dass ihr Sohn dem "Heiligen Krieg" abgeschworen hat - auch wenn sie die arabischen Wortfetzen, die aus seinem Zimmer dringen, beunruhigen.

Kostja Ullmann brilliert in der Rolle des in sich gekehrten jungen Mannes, der zunächst noch versucht, seiner Mutter die Faszination des Islam näherzubringen. Er spielt ihn so überzeugend, den Konvertiten, den der Hass auf die westliche Welt innerlich zerreißt, dass man nicht eine Sekunde mehr an den Sonnyboy Ullmann denkt - den aus "Groupies bleiben nicht zum Frühstück". Der 26-jährige Schauspieler wohnt im Hamburger Stadtteil St. Georg, nicht weit von der ehemaligen Moschee entfernt, in der die Attentäter des 11. September verkehrten. Das beunruhigt ihn manchmal. Aber er hält nichts von Panikmache. Ullmann hofft, dass der Film auch deutlich macht, dass nicht alle Moslems Extremisten sind.

Der Zuschauer wird im Dunkeln gelassen - bis zum Finale

Wochenlang hat er mit seinem Sprachtrainer arabische Worte und das Morgengebet auswendig gelernt. Er besuchte eine Moschee in Hannover, hat viel über den Islam gelernt. "Eine spannende Religion", wie er sagt. Ullmann selbst ist nicht gläubig: "Ich habe meine eigene Sicht auf die Dinge." Ob Rainer ein Schläfer ist oder zu Unrecht verdächtigt wird, darüber wird der Zuschauer dank des undurchsichtigen Spiels Ullmanns im Dunkeln gelassen - bis zum erschreckenden Finale.

Als Grosse "Der verlorene Sohn" 2008 drehte, musste sie sich das ein oder andere Mal den Vorwurf der Panikmache anhören. Spätestens die Terrorwarnungen von Innenminister de Maizière Ende vergangenen Jahres straften die Kritiker des Projekts Lügen. Die Regisseurin und ihr Autorenteam, bestehend aus Fred Breinersdorfer und seiner Tochter Léonie-Claire, wussten stets, wie nah sie sich mit ihrem Drehbuch an der Realität befanden. Sie haben intensive Gespräche mit dem Verfassungsschutz geführt, haben Bekennervideos von Taliban-Selbstmordattentätern gesehen. Herausgekommen ist eine Story, wie sie auch in der deutschen Provinz passieren kann. Oder in Hamburg. "Meine Drehbücher sind wirklichkeitsnah und glaubwürdig angelegt. Ich bin kein Autor für Filmmärchen", sagt Breinersdorfer. Der Film "Sophie Scholl - Die letzten Tage", für den er das Drehbuch schrieb, war 2006 für den Oscar nominiert.

"Der verlorene Sohn" ist ein mutiger Film. Mutig, nicht nur weil er sich mit einem Thema befasst, das so noch nie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen behandelt wurde. Er ist mutig, weil er als unaufgeregter, ruhiger Thriller inszeniert wurde, der ganz ohne Effekte, Musik und konstruierte Spannungsbögen auskommt. Vor allem dieser Reduziertheit ist es zu verdanken, dass der Film auch nach drei Jahren noch funktioniert - bei allen Problemen, die sich ihm in den Weg gestellt haben. Kaum war unter dem neuen NDR-Fernsehfilmchef Christian Granderath ein Sendeplatz gefunden, musste der 90-Minüter von Produzent Oliver Berben auf Schleichwerbung untersucht werden. Und wenn er heute Abend ausgestrahlt wird, läuft er in Konkurrenz zum Champions-League-Spiel vom FC Bayern gegen Inter Mailand. "Der Film wird sein Publikum finden", sagt Ullmann. Verdient hätte er es allemal.

Der verlorene Sohn: Mi 20.15 Uhr, ARD