Hamburg

Philharmoniker: Das Orchester ist der Star

Foto: Markus Dlouhy

Eine Versammlung der Besten: Die Wiener Philharmoniker mit Mariss Jansons und Thomas Hampson locken heute in die Laeiszhalle.

Laeiszhalle. Im Wortschatz der Kulturdramaturgen gibt es eine Vokabel, die sich seit einer gefühlten Ewigkeit allergrößter Beliebtheit erfreut: die Residenz. In ihrem Sprachgebrauch verheißt das aus dem Lateinischen abgeleitete Wort weniger die noble Bleibe als das Bleiben von Noblen - vorzugsweise der Musik. Gern auch in Englisch als Artist in residence genommen, bleibt der Residenzkünstler aber vor allem im Wirken und Wollen der Marketingstrategen eine planbare, weil wiederkehrende Größe. Sein dauernder Aufenthalt am selben Ort ist damit nur in Ausnahmefällen verbunden.

Wohl weil als physische Residenz ihrerseits weiterhin eine Schimäre, nimmt sich die Elbphilharmonie des Residenzwesens mit besonderer Hingabe an. Heute gelingt ihr sozusagen ein Doppelresidenzaufschlag allererster Güte: nicht nur der Bariton Thomas Hampson, Residenzkünstler schon seit Beginn des in der vergangenen Saison angelaufenen Mahler-Jahrs, gibt sich aufs Neue die Ehre, auch der Dirigent Mariss Jansons eröffnet mit dem heutigen Gastspiel am Pult der Wiener Philharmoniker eine kleine Serie von Auftritten in Hamburg, die die Elbphilharmonie-Strategen flugs zur Residenz hochjazzen.

Doch so klangvoll die Namen der beiden Herren sind: Der größte Star heute Abend ist das Orchester. Die Wiener Philharmoniker, 1842 gegründet, jetzt also in ihrem 170 Lebensjahr, nehmen laut britischem Fachblatt "Gramophone" nicht den Spitzenplatz der weltbesten Orchester ein, rangieren dort aber immerhin auf Platz drei. Die Wiener werden für diese Einordnung gewiss den einen oder anderen Schmäh übrig haben. Schließlich reißen sich die besten Dirigenten der Welt um ihr Pult, das sie traditionsgemäß keinem auf Dauer anvertrauen. Denn Chefdirigent der Wiener Philharmoniker - das ist ein Posten, den es nicht gibt. Mariss Jansons aber, den lettischen Maestro, den im vergangenen Jahr gleich zwei Krankheitsfälle niederstreckten, den mögen sie. So sehr, dass er 2012 erneut ihr Neujahrskonzert dirigieren darf; eine Ehre dicht vor der Seligsprechung.

Jansons wird den Wienern gewiss eine blitzende, glänzende, berauschende Aufführung von Hector Berlioz' formen- und zeitlimitsprengender "Symphonie fantastique" entlocken, jenem der Programmmusik zugerechneten orchestralen Groß-Poem um verschmähte Liebe, das Berlioz während seiner jahrelangen und endlich von Erfolg gekrönten Minne um die englische Schauspielerin Harriet Smithson komponierte. Das Werk wurde 1830 uraufgeführt.

Thomas Hampson holen Jansons und die Wiener Philharmoniker auf die Bühne, weil es derzeit wohl keinen klügeren, beleseneren und musikalischeren Interpreten für Mahlers Vokalkompositionen gibt als diesen vom Lied besessenen Bariton. "Ich finde Mahlers Musik ausgesprochen bewegend, und sie inspiriert mich immer wieder", sagt Hampson. Er ist erfahren und Künstler genug, sich auch von den schmerzlichsten Mahler-Emotionen etwa in den "Kindertotenliedern" nicht mitreißen zu lassen. Sein Interpretationsansatz ist denkbar einfach: "Mit Mahlers Musik muss man nichts machen. Man muss sie einfach singen und ihr nicht in die Quere kommen. Die Partie lernen, demütig sein, dankbar sein, singen. Und die Klappe halten."

Heute stehen die "Lieder eines fahrenden Gesellen" auf dem Programm, bei Gott auch keine fröhliche Kost. "Wenn mein Schatz Hochzeit macht" ist das fahle, todtraurige und ergreifende Lamento eines Liebes-Losers, "Ging heut morgen übers Feld" erzählt vom bittersüßen Naturerleben eines Frühspaziergängers, "Die zwei blauen Augen von meinem Schatz" sind nichts anderes als eine Distanzwaffe der Ersehnten und Unerreichbaren. Der Orchestersatz lässt jedem Fühlenden das Blut in den Adern stocken. Mahler, von biografischen Anlässen durchaus zum Komponieren verführbar, durchlitt zur Entstehungszeit, seinen Kasseler Jahren 1883-85, eine unerwiderte Liebe zu einer Sängerin. Kummer ist traurig, doch bei Künstlern oft auch durchaus förderlich für die Produktivkraft.

Mariss Jansons kommt wieder am 23. Februar mit der Pianistin Mitsuko Uchida und dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks, und schon am 6. Februar mit dem Concertgebouw Orkest Amsterdam, dem laut "Gramophone" besten Orchester der Welt. Aber das lassen Sie bloß nicht die Wiener hören.

Wiener Philharmoniker , Mariss Jansons, Thomas Hampson: heute, 20.00, Laeiszhalle (U Gänsemarkt) Johannes-Brahms-Platz, Restkarten zu 12,- bis 135,- unter T. 35 76 66 66 und an der Ak.