Kampnagel: Scott Matthews

Wenn das verletzte Herz geflutet wird

Foto: Michael Mann

Scott Matthew und Band lieferten mit ihrem Akustikkonzert auf Kampnagel wirklich großes, ergreifendes Gefühlskino mit intensiven Liedern.

Hamburg. Es gibt diese Konzerte, durch die alle Gefühle größer scheinen, intensiver, verletzlicher, die Liebe wie der Schmerz. In denen die Zuhörer mit leicht bis sehr feuchten Augen lauschen. Schon als Scott Matthew auf Kampnagel den Song "Pavement Kisses" anstimmt, läuft langsam die Seele über. Wie ein großer androgyner Troll sitzt er auf dem Barhocker mit seinem langen Bart an kurz rasierten Schläfen und singt zur Akustikgitarre, als ringe er sich jede Silbe aus seinem Innersten ab. Und als dann Spencer Cobrin am Piano einsetzt und Sam Taylor am Cello, ist das Herz bereits hoffnungslos geflutet.

Der in New York lebende Australier Matthew ist ein emotionaler Bergwerker, er rackert sich sichtlich ab für seine Poesie. Bei dem Heul-Pop-Stück "Hold Me" reibt er sich mit den Händen über die Knie, knetet sich die Finger und schüttelt seine Schultern, als friere er. "Ich fühle mich geehrt, dass ihr an diesem regnerischen kalten Abend gekommen seid", sagt der Mann mit den traurigen braunen Augen. Doch trotz seiner melancholischen Singer-Songwriter-Stücke ist er ein gewitzter Entertainer. "Ich habe nie behauptet, ein richtiger Musiker zu ein", stellt er kichernd fest, während er seine Ukulele stimmt. Und das Publikum kichert zurück, bevor Matthew in "Shimmer" davon erzählt, wie dieses besondere Funkeln zum Vorschein kommt. Bei einem speziellen Menschen, in einer besonderen Nacht.

Matthew ist derzeit auf Tour, um die neu aufgenommenen Songs seiner früheren Band Elva Snow in reduzierter Fassung zu präsentieren. Doch auch Nummern aus seinem Soloschaffen bringt er auf die Bühne der Kulturfabrik. Etwa "Little Bird", in dem er das Kunststück vollbringt, zutiefst kitschige Sätze mit höchster Aufrichtigkeit zu singen. Verse wie: "Ich möchte die Sterne in deinen Augen leuchten sehen".

Matthew ist ein Hoffender. Einer, der sich in "Hollywood Ending" nach dem fiktiven Finale mit Kuss in Nahaufnahme sehnt, aber stets auch die Ängste und Sehnsüchte des wahren Lebens mitdenkt. Dann wiederum erfindet er Bilder, die das nie enden wollende Toben der Liebe so irritierend gut fassen, dass die Worte noch lange nachhallen.

"Da ist ein weißes Pferd gefangen in meinem Herzen/Und es versucht, mich umzubringen, nur um sich zu befreien", singt, ja jammert er geradezu in "White Horse". Kein Wunder, dass da das leise Seufzen der Fans nach den letzten Akkorden in lautes Johlen übergeht.

Matthews Gesang klingt mal nach der tiefen rauen Intensität eines David Sylvian, mal nach dem ergreifenden Tenor eines frühen David Bowie. Als Zugaben verneigt er sich mit "Lost" dann aber vor dem Brit-Pop-Veteranen Morrissey, für den Spencer Cobrin in den 90ern das Schlagzeug spielte. Und als allerletztes Stück intoniert Matthew ganz alleine Radioheads "No Surprises" auf der Ukulele. Keine Überraschungen, aber ganz großes Gefühlskino.