Wie die Kuh auf dem Eis

Wortakrobat Heinrich Pachl übt im Hansa-Varieté den Balanceakt zwischen Conférence und Kabarett

Hamburg. Künstler fasziniert seit je das Varieté - Chansonnetten, Maler, Sänger, Schriftsteller. Auch die Kabarettisten lieben den erotischen Reiz der Akrobaten, die Komik der Clowns und Magie der trickreichen Zauberer. Aristide Bruant - der Mann im schwarzen Paletot mit Schlapphut und rotem Schal, wie ihn Toulouse-Lautrec verewigte - war der Vorläufer aller Kabarettisten im "Chat noir" der Pariser Zwanzigerjahre. "Heute beschimpfen wir aber unser Publikum nicht", sagt Heinrich Pachl. "Das würde doch einfach wegbleiben." Der politische Kabarettist moderiert - alternierend mit Kollegen wie Arnulf Rating, Georg Schramm und Horst Schroth, mit Comedians, Musikern oder Schauspielern - die neue Show im Hansa-Theater.

Die l'art pour l'art der Artistik werde durch das Kabarett geerdet, meint Pachl. Er gehörte 1988 zu den Mitbegründern des Tigerpalasts in Frankfurt unter dem Slogan "Egalité, Fraternité, Varieté". Darum kennt er auch viele internationale Akrobaten. "Unsere Wege kreuzen sich immer wieder." Pausenlos wird Pachl im Konversationszimmer des Hansa-Theaters begrüßt. Der Wiener Magier Otto Wessely klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter. Der chinesische Schlappseil-Artist Cong Tian sagt scheu lächelnd "Hello". Die attraktive russische Hula-Hoop-Tänzerin Yelena Larkina umgarnt ihn charmant mit ihren Silberreifen.

Trotzdem fühlt sich der Kabarettist im Varieté wie die Kuh auf dem Eis. "Oder wie in der Schlangengrube. Wir müssen die Konkurrenz mit den Artisten akzeptieren, wollen aber auch das Publikum für uns erobern." Wortakrobatik ist gefordert, will er mehr sein als nur ein Ansager für die nächste Nummer. "Es geht darum, die kleinen politischen Sketche so zu präsentieren, dass die Überleitung zum Künstler fließend und doch nicht vorhersehbar ist." Aber er müsse auch für die Künstler den passenden Boden bereiten. "Es kommt nicht gut, wenn ich kurz vor dem Auftritt eines Jongleurs Witze reiße, sodass alle lachen. Er braucht Konzentration und einen sanften Übergang." Präzises Timing ist wegen der Umbauten gefordert. Und drittens: "Man darf sich nicht zu früh verausgaben. Denn ich bin der Einzige, der immer wiederkommt. Und das Publikum soll doch nicht denken: Ach, der schon wieder."

Zwischen bloßer Ansage und kritischem Kabarett entsteht ein Drittes: die Kunst der Conférence. Der Grenzgang zwischen Publikumsverführung, Künstlerpräsentation und Zeitsatire. Ein Balanceakt, bei dem man nicht sichtbar abstürzen kann wie ein Seiltänzer. "Der Vorteil", meint Pachl, "wir können Versprecher überspielen, dass die Zuschauer nichts merken." Die Tricks der Kabarettisten.

Hansa-Varieté: Voraufführungen 26./27.10., Premiere 28.10., 20.00, Hansa-Theater, Karten in allen Hamburger Abendblatt-Ticket-Shops und unter der Ticket-Hotline 040-30 30 98 98