Thalia Theater

Und das alles wie in einer Jam-Session

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Ein Jahr vor der Premiere von "Faust I und II" gerät die öffentliche Probe von Nicolas Stemanns Goethe-Projekt zu einem vollen Erfolg.

Hamburg. Der Publikumsandrang im Thalia ist stürmischer als zu mancher Premiere. Dabei hält Nicolas Stemann lediglich eine öffentliche Probe für sein Goethe-Projekt mit "Faust I und II" ab. Es hat am 28. Juli 2011 bei den Salzburger Festspielen Premiere und eröffnet dann im Herbst die Thalia-Saison. Der Regisseur begleitet die Probe wie bei einer Jam-Session auch am Klavier, er gibt Einblick in seine "Werkstatt": "Wir haben 50 bis 60 Leute erwartet und jetzt ist das Haus ausverkauft", sagte Stemann staunend und dämpft trotzdem hohe Erwartungen.

"Lauter! Lauter!", rufen prompt einige Zuschauer, als Sebastian Rudolph den Text der "Zueignung" aus dem Reclam-Heftchen murmelt. Als ob das im Thalia versammelte Bildungsbürgertum die Verse nicht ohnehin auswendig herunterbeten kann. Doch beim "Vorspiel auf dem Theater" folgt Sebastian Rudolph des Direktors Gebot: "Gebt nur mehr, und immer, immer mehr." Er rennt nach Tisch, nach Tür und Mikrofon, versucht sich zum Erdgeist-Text in Bodypainting.

Zwei Klavierspieler schieben ihre Pianos auf der Bühne hin und her. Den Geistergesang exerzieren atonal eine Sängerin und Musiker. Zum ersten Schauspieler gesellt sich der zweite, Philipp Hochmair, und dann Patrycia Ziolkowska als "Gretchen". Sie übernimmt wie ihre Partner andere Figuren, spielt sie zitierend und zitiert sie spielend. Sie vergessen auch nicht, Goethe für aktuelle Kritik zu nützen. Rudolph rezitiert die Bürger-Kritik aus dem "Osterspaziergang", erntet Lacher und Applaus: "Nein, er gefällt mir nicht, der neue Bürgermeister!/Nun, da er's ist, wird er nur täglich dreister,/Und für die Stadt, was tut er denn?/Wird es nicht alle Tage schlimmer?"

Die öffentliche Probe läuft ab wie am Schnürchen. Als wäre es gar keine Probe, sondern alles so gemeint. Ohnehin wird die "fertige" Aufführung einer (strukturierten) Probe gleichen und nicht plötzlich mit voller Dekoration und historischen Kostümen verblüffen. Dem Regisseur geht es um das Werk und Wort aus vielfach gebrochener, heutiger Sicht.

Nicolas Stemann lässt die Textpartitur auf der Klaviatur aller darstellenden Künste ausspielen: Film, Gesang, Malerei, Rezitation, Schauspiel und Tanz. Das alles ist aufregend und erhellend. Die Hamburger Theaterfreunde dürfen sich freuen und die Salzburger werden sich wundern: Halten sie doch noch immer Max Reinhardts komplette "Faust"-Stadt in der Felsenreitschule für das einzig wahre Klassiker-Theater.