Sufjan Stevens und Deerhunter

Alleskönner zwischen Experimentierfreude und Brillanz

Foto: Marzuki Stevens

Sufjan Stevens und Deerhunter eröffnen den Indie-Herbst viel versprechend mit ihren neuen Alben "The Age of Adz" und "Halcyon Digest".

Die zeitgenössische amerikanische und kanadische Rockmusik hat dieses Jahr ein paar überwältigende Alben hervorgebracht. Da wären natürlich Arcade Fire und The National zu nennen, deren Pop-Appeal fast Stadiontauglichkeit besitzt. Oder die unverdrossen jammende Broken Social Scene und die inzwischen in ihre kühl tropfende New-Wave-Höhle verschwundenen Interpol: So ätherisch und entrückt wie Sufjan Stevens und Deerhunter, die in diesem Indie-Herbst zwei interessante CDs vorlegen, sind die genannten nicht.

Wobei namentlich "The Age of Adz", das neue Werk von Sufjan Stevens , niemanden überraschen sollte. Der Songwriter aus Michigan ist für seine ausufernden Projekte bekannt. Was nach Größenwahn klingt, hat bei dem 35-Jährigen (der auf dem letzten National-Album zu hören ist) Methode. Seinen Plan, Konzeptalben zu allen amerikanischen Bundesstaaten aufzunehmen, hat er nie offiziell widerrufen, wenn auch die Produktion jetzt bereits seit fünf Jahren stockt: Nach "Michigan" und "Illinois" kam keine Region mehr in den Genuss süßer Oden. Der bekannteste Moment des Sufjan Stevens kam 2006, als im Road Movie "Little Miss Sunshine" das orchestrale "Chicago" jubilierte.

Das dazugehörige Album ("Illinois", richtig) tauchte in vielen geschmackvollen Bestenlisten der Nullerjahre auf. Der Multi-Instrumentalist Stevens, er spielt unter anderem Klavier, Banjo, Oboe und Gitarre, reicherte seinen Folk-Entwurf mit Orchesterklängen an und verpasste sich so einen symphonischen Sound, der ihn von anderen Songwritern unterscheidet.

Seine Wurzeln liegen freilich auch im Genre der Electronica, dort tobte sich der Alleskönner im Album "Enjoy your Rabbit" aus. Nachdem in den vergangenen Jahren lediglich Kompilationen alten Materials erschienen, setzt Stevens nun mit "The Age of Adz" (sprich: "Odds") wieder zum großen ästhetischen Wurf an. Dabei verknüpft er Computerfrickelei und Streicherarrangements. Klingt nach einer unwahrscheinlichen Form, verblüfft aber in seiner nicht wirklich verschmelzenden, sondern die Spielarten gleichberechtigt nebeneinander stellenden Konsistenz.

Das Zwiegespräch von Gepluckere und Gefiepe, der vom Computer verfremdeten Stimme und dem Chorgesang, den Streicher- und Bläserpassagen gipfeln im 25-minütigen "Impossible Soul", einem rhapsodischen Übersong, der kaum enden will.

Sufjan Stevens hätte es sich einfacher machen und sein unbestechliches Gefühl für Melodien in einfache Folk- oder Popsongs gießen können. So ist "The Age of Adz" ein vor Ideen überbordender, nervöser, verwunschener Spielplatz, auf dem Stevens hingebungsvoll herumtollt.

Bei Deerhunter, der Band von Bradford Cox, stellt sich grundsätzlich ein anderer Höreindruck ein: Hier fiept nichts, und es ratscht auch keine Violine hektisch um die Ecke. Die vierte Platte der Band aus Georgia heißt "Halcyon Digest" und ist eine Großtat, Deerhunter werden immer besser. Der altbewährte Mix aus Garagenrock und Noisepop wird auf "Halcyon Digest" von dem Quartett um einige Facetten erweitert. Das psychedelische "Earthquake!" taumelt dunkel und erinnert ein wenig an die Red House Painters, wie überhaupt das einst gebräuchliche Label "Sadcore" zu manchen Geräuschflächen Deerhunters passt.

Die Texte des Bradford Cox sind ebenfalls nicht unbedingt die eines Standup-Komödianten: "No one cares for me, I keep no company / I have minimal needs and now they are through with me", lamentiert er in der ersten Single "Helicopter".

Andererseits, wann hat man zuletzt glitzerndere Gitarrenakkorde als in "Desire Lines", wann einen besseren Popsong als "Fountain Stairs" gehört? Deerhunter können wirklich beides: Intime Seelenpein-Stücke wie "Helicopter", deren lyrische Tristesse von einer zauberschönen Tonkaskade, sie klingt wie das Sprühen von Wassertropfen, zerschossen wird. Und Drei-Minuten-Popsongs, die jeden Tag im Radio gespielt werden müssten, oder doch lieber nicht: Sie sind zu edel, kein konfektionierter Konsens-Dreck soll ihre Anmut zerstören.

Deerhunter haben den Sixties-Pop für sich entdeckt, und die sonnige Seite ist doch immer die, zu der wir wollen, wenn die trüben Nebel der Unsicherheit durchwankt sind. "He would have laughed" beschließt den Songreigen, ein Siebenminüter, der in seiner repetitiven Struktur verflixt einfach ist und den großen Texter und Selbstbeobachter Cox eine bündige Formel finden lässt: "Only bored as I get older/Find new ways to spend my time/I'm a gold digging man."

"Halcyon Digest" beschenkt einen reich: Wenn man anno 2010 nur eine Platte kaufte, es sollte diese sein.

Sufjan Stevens: "The Age of Adz" (Asthmatic Kitty Records)

Deerhunter: "Halcyon Digest" (Beggars/4AD)