Die Welt der digitalen Klippschüler

Eine Diskussion in Berlin überführt Medienmanager als schwache Pragmatiker

Berlin. Thomas Belluth, Programmdirektor des ZDF, kann bei YouTube keine Videos hochladen. Andreas Bartl, Vorstand der ProSiebenSat.1 Media AG, beherrscht diese Technik ebenso wenig. Für so etwas hat er seine Mitarbeiter. Bei Belluth dürfte es ähnlich sein, ohnehin ist er nur eine halbe Stunde pro Tag im Netz.

Wann erfährt man schon, dass es sich bei Medienmanagern, die stets betonen, wie gut ihre Unternehmen auf das digitale Zeitalter vorbereitet sind, mitunter um digitale Klippschüler handelt? Insofern war die von Abendblatt-Chefredakteur Claus Strunz moderierte Podiumsdiskussion "Medialer Wandel - wie wandelbar sind die Medien?" durchaus ertragreich, die der Film- und Fernsehproduzent Ufa in der Bertelsmann Repräsentanz in Berlin abhielt.

Natürlich wollen alle Medienhäuser von der digitalen Revolution profitieren. Ufa-Chef Wolf Bauer etwa möchte sein Haus von TV-Sendern unabhängiger machen und seine Produktionen etwa auf einem speziellen Channel bei Facebook oder bei der Telekom präsentieren, die sich ja spätestens seit dem Start ihres Bundesliga-Angebots "Liga total" auch als Medienhaus versteht. "Wir sind neu auf der Party", stellte sich ihr Marketing-Geschäftsführer Christian P. Illek vor, der nicht zu erwähnen vergaß, dass sein Haus künftig Geld von Anbietern haben wolle, die datenintensive Inhalte ins Netz stellen.

Wer soll das alles bezahlen? "Draußen gibt es nicht genug Werbedollars", schwant Bauer, der die Nutzer zur Kasse bitten will. Der Chef von Yahoo Deutschland, Terry von Bibra, glaubt dagegen, dass sich künftig 80 Prozent der Angebote im Netz durch Werbung finanzieren werden.

Die TV-Sender müssen sich laut Sebastian Turner, Partner der Agentur Scholz & Friends, auf die Konkurrenz von 1000 digitalen Kanälen einstellen. Umso misslicher sei es für sie, sollten sie auch künftig in den Werbepausen Zuschauer wegen mieser Werbespots verlieren. Deshalb müsste schlechte Werbung, bei der die Zuschauer umschalten, mehr kosten als unterhaltsame Spots. "Sie leben nicht davon, dass Sie Ihr Publikum verjagen", rief er den Senderchefs zu.