Die Platte meines Lebens

Die eigene Lebensmelodie

Tom Buhrow, seit September 2006 Moderator der "Tagesthemen"

Die Platte meines Lebens ist der Mitschnitt von "The Concert for Bangladesh" aus dem Jahr 1971. Einer der Stars, die dort auftraten, war Bob Dylan. Ich hörte die Songs immer und immer wieder und schlug in Wörterbüchern nach, um sie zu verstehen.

Ein Song handelte von einem Jungen mit blauen Augen. Zu Beginn jeder Strophe fragte jemand: "Wo warst du, mein blauäugiger Sohn?" Dann kam die Antwort: Er hatte eine Reise durch fremde Welten hinter sich. Ungerechte, gewalttätige Welten. Es war klar, dass der "Sohn" nie mehr in ein behütetes Heim zurückkehren könnte. Er würde wieder hinausgehen und sich dieser Welt stellen. Gegen die Ungerechtigkeit und Gewalt ansingen. Die Worte gruben sich in meine Seele. Mein Körper war zu Hause und ging zur Schule, aber meine Seele wanderte in diese Welt hinaus. Ich hatte auch blaue Augen. Der Song handelte von mir. Mit 13 denkt man so.

Ein anderer Song spielte zwischen Tag und Traum. Kurz vor dem Morgengrauen. Das Reich der Nacht hat sich in Sand aufgelöst, und wie durch Nebel sieht man einen Mann mit einem Tamburin. Er soll spielen. "Ich verspreche, ich folge dir, Mr. Tambourine Man. Nimm mich mit auf einen Trip auf deinem magisch wirbelnden Schiff." Nach diesem Song war nichts mehr wie vorher. Ich hatte ein Klappfenster in der Dachschräge und konnte den Himmel sehen. Dieser Song kam von dort zu mir ins Zimmer und zog mich hinaus in die Weite. Ich würde ihm folgen, sobald ich konnte und wohin er mich auch führte. Ich höre und spiele ihn immer noch. Er wird mich ewig begleiten. Heute weiß ich, wovon er handelt: von der eigenen Lebensmelodie, der jeder alleine nachspüren muss - zwischen Tag und Traum.

Man muss im Leben manche Kompromisse machen. Aber im Kern meines Wesens mache ich keine Kompromisse. Und das Vertrauen in meine Lebensmelodie habe ich von dieser Platte. Der Platte meines Lebens.