Die lieben Verwandten

Tracy Letts' preisgekröntes Drama "Eine Familie" sorgt für einen furiosen Saisonauftakt im Ernst-Deutsch-Theater

Hamburg. Bei dieser Familie wäre man nicht gern Haushälterin. Geschweige denn Mitglied. Auf der Bühne ist überall Unordnung. Zwischen einem Labyrinth aus grauen Wänden und ungepflegten 60er-Jahre-Möbeln türmen sich Bücher und Whiskeyflaschen im fahlen Licht. Glück sieht anders aus. Wir befinden uns in der amerikanischen Provinz, in einem Kaff namens Pawhuska im Osage County, Oklahoma.

Familienoberhaupt Beverly Weston (Hartmut Schories), emeritierter Professor, einst gefeierter Dichter, heute hauptberuflich Säufer, stellt eine junge Cheyenne als Hausmädchen an. Sie soll seine drogenabhängige Frau Violet (Claudia Amm) versorgen. Die hat in ihrem Leben so viel Gift und Galle gespuckt, dass sich jetzt der Krebs in ihrer Mundhöhle ausbreitet. "Er fühlt sich zu den Beschädigten hingezogen", giftet sie über den Gatten im Medikamentennebel.

Es ist seine letzte Amtshandlung. "Das Leben ist sehr lang", stößt er ein Zitat des Dichters T. S. Elliot aus. Dann verschwindet er. Tage später wird er tot aus dem See gefischt.

Das ist nur der Auftakt zu einem Familiendrama, das in schönster Tradition von Tennessee Williams oder Eugene O'Neill die in alle Himmelsrichtungen verstreuten Familienmitglieder wieder zusammenführt und das Unterste dreier Generationen zuoberst kehrt. Mit Tracy Letts' gefeiertem Gegenwartsdrama "Eine Familie" in der Regie von Peter Hailer ist dem Ernst-Deutsch-Theater zur Saison-Eröffnung ein äußerst mutiger Coup geglückt. Am Ende des fast dreistündigen Abends nimmt der Beifall für die Beteiligten kein Ende.

Einmal mehr erweist sich die Familie als Nährboden für große Dramen. Man trifft sich zu einer Feier, betäubt sich, betrügt sich. Die Feier entgleist und man putzt sich gegenseitig runter, so gut es geht. Die Westons erweisen sich als ein besonders marodes Exemplar der Gattung Horrorfamilie. In den USA sorgte das 2007 in Chicago uraufgeführte Stück bereits für Furore. 2008 erhielt der Autor für "Eine Familie" (im Original:"August: Osage County") den Pulitzer-Preis. Die Inszenierung der Steppenwolf Theatre Company sahnte gleich fünffach die begehrte Theatertrophäe Tony ab, darunter jene für das beste Stück. Letts hat "Eine Familie" fast wie einen Thriller angelegt, die Figuren psychologisch exakt gezeichnet. Dazu gesellt der sprachmächtige Autor manch drastische Wortwahl und einen Szenenaufbau, der heutigen medialen Sehgewohnheiten entspricht.

Die Drehbühne (Ausstattung: Etienne Pluss) greift mit ihren wechselnden Schauplätzen auch im Ernst-Deutsch-Theater den Schlechte-Zeiten-Sitcom-Aspekt des Stückes auf. Zu keiner Zeit mindern sie den Verstand und Herz umklammernden Tiefgang. Hier findet sich nirgends ein Ort, in den man sich vor all dem Schrecken wegkuscheln könnte. Dafür aber ein paar formidable Humorspitzen, die wie Messerstiche brennen. Jeder hat hier mindestens eine Leiche im Keller. Tochter Barbara (erst hölzern, dann expressiv: Isabella Vértes-Schütter) reist mit Gatte Bill (Stefan Reck) und pubertierender Tochter an. Nicht nur die Tatsache, dass Bill mit einer seiner jungen Studentinnen techtelmechtelt, sorgt für ständigen Krach und wachsende Hysterie. Barbara: "Was haben diese Leute sich nur dabei gedacht?" Bill: "Welche Leute?" Barbara. "Die Komiker, die sich hier angesiedelt haben. (...) Wer war das Arschloch, das dieses platte heiße Nichts erblickt und eine Flagge reingerammt hat? Ich mein, wegen dem Scheiß hier haben wir die Indianer fertiggemacht." Darauf Bill: "Tja, zum Tatzeitpunkt wirkt ein Genozid immer plausibel." Letts' Humor ist einer von der fiesesten Sorte. In seiner präzisen Formulierung ist er so schockierend wie entwaffnend.

Barbaras aufmüpfige Tochter Jean (Adriana Möbius) hat einen Hang zu Fernsehkonsum und Marihuana. Ihre Jugend bringt ausgerechnet Steve (Hans-Christian Seeger) um den Verstand, mit dem sich die zweite Violet-Tochter Karen (etwas verhalten: Nana Krüger) nach einer Kette von Versagern zu einer Verlobung durchgerungen hat.

Herzstück der Inszenierung aber ist die großartige Claudia Amm. Die bärbeißige Familienmatriarchin Violet mimt sie mit einer Feuer speienden Bosheit, die keine Gnade kennt. Mit finsterem Blick unter strähnigen Haaren tritt sie noch einmal nach, wenn das aktuelle Opfer sich schon verbal angeschossen vor ihr im Staub krümmt. Bei der Ankleide für den Leichenschmaus hält sie für ihre Töchter aufmunternde Weisheiten parat. Die dritte von ihnen, Ivy (kraftvoll: Isabell Fischer), hat die Vierzig schon überschritten, lebt zu Hause. Ein Mann ist zum Leidwesen Violets nicht in Sicht. "Frauen werden alt und hässlich", keift sie. "Die Welt ist rund. Komm drüber weg."

Da ahnt sie nicht, dass Ivy mit ihrem lebensuntüchtigen Cousin Little Charles angebandelt hat und plant, die Familiengruft Richtung New York zu verlassen. Doch auch bei dessen Eltern, Violets Schwester Mattie Fae (Karin Nennemann) und Charlie (Wolf Aniol) schlummert ein Geheimnis, das auf den letzten Metern des Abends aufs Brutalste ans Licht gezerrt wird. Die drei Schwestern, jede von ihnen auf andere Weise zerstört und mit Schuld beladen, zerfleischen sich abwechselnd in alten Rivalitäten und ihren angeknacksten Beziehungen.

Beim Leichenschmaus unterhält man sich darüber, dass man statt "Indianer" jetzt "Ureinwohner Amerikas" sagt. "Hast du ein Problem mit Indianern, Violet?" fragt Bill. "Ich weiß nie, was ich zu einem Indianer sagen soll", entgegnet diese. Irgendwann wird sie trotzdem die junge Cheyenne in einem Reste von Gefühlsregung umarmen. Natürlich hat Letts die Westons auch als Metapher für den moralischen Niedergang der USA angelegt. Für das Ernst-Deutsch-Theater ist diese Eröffnungspremiere eine radikale Entscheidung, die sich bei der eindrucksvollen Gesamtleistung von Regie und Ensemble auszahlt. Mehr davon.

Eine Familie weitere Vorstellungen bis 1.10., Ernst-Deutsch-Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, Karten unter T. 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de