Offen gesagt

Der Zauber der Schlange

Eine Glosse von Hans-Juergen Fink

Verglichen mit der mehr als 100 Meter langen Schlange vor der Berliner Frida-Kahlo-Ausstellung ist die vor der Hamburger Tut-Kopien-Ausstellung eher ein Schlänglein, gerade mal 30 bis 50 Meter. In Berlin stand man schon morgens um 6 Uhr an, und abends um 21 Uhr warteten immer noch Menschen auf ein Ticket. Was in Hamburg schon deswegen nicht geht, weil die Tut-Schau allabendlich bereits am 18 Uhr schließt - so bleibt es auch bis zum Showdown am Sonntag.

Dem Sog der Schlange, der sich bei der Ausstellung der Originale 1981 im Kunstgewerbemuseum noch so eindrucksvoll studieren ließ wie heute vor der Sicherheitskontrolle eines Urlaubsflughafens, arbeiten längst Zeitfenster-Tickets entgegen. Sie nehmen dem Besucherstrom viel von seinem Anreiz, mal zu schauen, was da so interessant ist.

Da Menschen trotzdem lieber dorthin wollen, wo schon andere sind, wird der Zauber der Schlange seine Wirkung nie völlig verlieren. Wer für sein neues Café drei Scheingäste zum Cappuccino engagiert, hat bald 15 andere. Leere schreckt den Hamburger wie sonst nur an jedem Tisch ein einzelner Gast: "Alles voll hier, lass uns gehen!"

In der Kulturbehörde soll derzeit geprüft werden, ob das Prinzip der Initialschlange geeignet ist, für halbvolle Theater und Museen mehr Besucher anzulocken. Mit Testreihen bei der Beantragung von Fördergeldern soll's losgehen. Das könnte klappen ...