Archaische Dorf-Power in schleswig-holsteinischer Pampa

SHMF: Polnische Trancemusik mit der Warsaw Village Band

Großenaspe. Kein Alkohol, keine Drogen, nur Musik von Herz zu Herz: Das ist der beste Weg in die Trance, in allen Kulturen der Welt. Es wird ganz still in der ehemaligen Reithalle des Hofs Bissenbrook in Großenaspe, als der Percussionist Maciej Szajkowski von der Warsaw Village Band mit wenigen Worten so von der universellen spirituellen Kraft der alten Volksmusik spricht.

Hier auf dem Land, nordöstlich von Bad Bramstedt, in der denkbar abgelegensten Spielstätte des Schleswig-Holstein Musik Festivals, scheinen die Menschen noch eine Haut näher an der Magie und dem Zauber der Musik dran zu sein als wir abgebrühten Städter. Sie scheinen zu wissen, wovon er spricht. Vielleicht singen nachts die Geister in den Bäumen, und der Wind über den Feldern raunt von alten Zeiten? Es hatte etwas Surreales, diesen an einem Fuchsundhasegutenachtsageplatz gut versteckten Hof endlich gefunden zu haben und in der vermeintlichen Wildnis plötzlich auf 500 Menschen zu treffen, die in einer Reithalle mit pferderückenartig geschwungenen Holzträgern und Fenstern auf weißen Plastikstühlen sitzend tief beeindruckt der archaischen Dorf-Power der sechs Polen lauschten.

Die jüngsten Stücke, die die Warsaw Village Band spielt, sind 100 Jahre alt, die ältesten 400 Jahre. Doch nur auf Mittelaltermärkten wäre ihre Musik fehl am Platz. Ihre Wurzeln reichen so tief, dass ihre Kronen weit in die Zukunft ausgreifen können. Vorne stehen drei Frauen, die einen scharfen, manchmal dreistimmigen Gesang ausstoßen. Zwei von ihnen spielen Geige, wobei die bevorzugt gespielten durchgehenden Achtel oder Sechzehntel aus den Geigen kleine kratzende Trommeln machen. Das Melodieinstrument wird zum Rhythmusinstrument. Sylwia Swiatkowska streicht auch die polnische Fiedel, deren sechs Saiten mit den Fingernägeln abgegriffen werden, was dem Instrument den sirrenden, hypnotischen Charakter der persischen Kamancheh verleiht. Magdalena Sobcak-Kotnarowska spielt mit zwei Metallschlägeln das Zymbalon, dessen flirrende Klänge ebenfalls zur Beschleunigung tranceartiger Zustände bestens geeignet sind.

Drei Männer stärken der Frauen-Frontline den Rücken: Piotr Glinksi hat eine Landsknechttrommel umgebunden sowie Becken und eine Snaredrum neben sich, die er synkopisch bearbeitet. Rechts außen steht Maciej Szajkowski und schlägt den Tambourin und andere Percussionsinstrumente. Der blonde Junge in der Mitte spielt einen elektrisch verstärkten Kontrabass ohne Korpus, der das ganze erregende Geflirr und Geklöppel und Getrommel der Kollegen mit Ankertönen aus der Tiefe erdet. Alle haben ordentlich Echo auf ihren Mikrofonen.

Die Musik bleibt tänzerisch auch da, wo ihre Metren krumm sind, und sie entführt auf bezaubernde Weise in eine Meta-Zeit, in der Gestern, Heute und Morgen ein und dasselbe sind. Von der bäuerlichen Tanzdiele zum Dancefloor ist's da nur ein Schritt.