Nur der Busen tröstet

Der Debütantin Inger-Maria Mahlke gelingt in "Silberfischchen" ein düsteres Zwei-Personen-Stück mit hintergründigem Humor

Hamburg. Natürlich muss das so sein, dass die Biografie des Künstlers als junger Mensch einige Kapitel der Entsagung, der Enttäuschung und des Nicht-Verzagens bereithält. Natürlich kann eine Debütantin nicht damit rechnen, beim ersten Versuch einen Verlag zu bekommen, der ihren Text druckt. Und so erging es dann auch der in Hamburg geborenen, in Lübeck aufgewachsenen und in Berlin lebenden Autorin Inger-Maria Mahlke, deren erstes Buch "Silberfischchen" soeben im Berliner Aufbau-Verlag erschienen ist.

Die 33-Jährige, im Hauptberuf Juristin, erhielt viele Ablehnungen auf das Begehr, ihren Text irgendwo unterzubringen. Es war nur eine zugegebenermaßen harte Prüfung, der sich Mahlke stellen musste, jetzt sammelt sie die Erfolge ein. Geradezu leichthändig: Sie darf in der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin teilnehmen, sie gewann den "Open Mike"-Wettbewerb der Hauptstadt, und im September misst sie sich mit elf anderen vielversprechenden Newcomern im Debütantensalon des Hamburger Harbour Front Festivals.

Da beginnt eine Karriere, die zu einiger Hoffnung veranlasst: Ganz zuerst darauf, eine souveräne Erzählerin gewonnen zu haben, die mit großem Geschick von psychologischen Gesetzmäßigkeiten und Verwicklungen berichtet.

Eine Erzählerin, die es schafft, in selten bewerkstelligter Erzählökonomie eine tieftraurige Geschichte zu erfinden, die vor schwarzem Humor trieft. Der pensionierte Polizist Hermann Mildt lernt die Polin Jana Potulski kennen. Sie nistet sich in der Wohnung des Witwers ein, abschließend beginnt ein Machtspiel, im Verlauf dessen die Züge der ungleichen Figuren immer skurriler, manischer und seltsamer werden. Wobei die Figur des einsamen Rentners, der in seiner Freizeit gerne fotografiert und Zeitung liest, die eigentlich schreckliche ist. Er führte eine unglückliche Ehe, die seinen Gefühlshaushalt rabiat umgestaltete und ihm ein beinah lebenslanges Leid bescherte. Frühzeitig in Ruhestand musste der Polizist gehen, weil er seine tote Frau einst im Garten abfotografiert hatte, anstatt ihr (natürliches) Ableben zu melden.

Seine psychische Deformation äußert sich im Zwang, die Wirklichkeit fotografisch zu dokumentieren.

Er ist kalt wie ein Eisklotz, kontrollsüchtig, sadistisch und misogyn. Die alten, nie überwundenen Gefühlsregungen agiert der Alte erst aus, als er in der in Deutschland gestrandeten Polin ein über weite Strecken willfähriges Opfer findet. Er sucht die Nähe des fremden Gastes und stößt ihn gleichzeitig von sich, die Annäherung des alten Eremiten an die Polin ist gewollt und ungewollt. Er darf ihre Brüste berühren, es ist der einzige Trost, den er zulässt.

Inger-Maria Mahlke schildert in diesem Zwei-Personen-Stück beinah alles durch die Sicht dieses unappetitlichen Mannes. Die Erzählsituation bleibt dabei bemerkenswert distanziert, die Sprache kühl: Alles geschieht zwangsläufig, auch das Finale, in dem der Abgrund aufreißt.

Inger-Maria Mahlke "Silberfischchen". Aufbau-Verlag. 200 Seiten, 16,95 Euro. Lesung im Debütantensalon auf dem Harbour Front Festival am 13. September, 18 Uhr, auf der "Cap San Diego".