Skandalroman

Feuchtgebiete: Flucht aus der Einsamkeit

Foto: Kaltstart

Die Theater-Liga bringt beim Kaltstart-Festival Charlotte Roches "Feuchtgebiete" auf die Bühne. Premiere ist im Bürgertreff Altona-Nord.

Bekommt die unsachliche, noch dazu langweilige Ekeltheater-Debatte neuen Zündstoff? Peter Dorsch bringt mit der Theater-Liga beim Kaltstart-Festival seine Fassung von Charlotte Roches skandalisiertem Roman "Feuchtgebiete" auf die Bühne. Die Premiere ist heute Abend im Bürgertreff Altona-Nord. Doch der Regisseur dämpft jegliche Spekulationen auf einen Eklat: "Meine Schauspieler sind weder nackt, noch wird Blut fließen", versichert Dorsch. "Der Text ist deutlich genug, den braucht man nicht noch zu illustrieren. Er spricht für sich selbst."

Zur Erinnerung: Die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Moderatorin plaudert in ihrem 2008 zur Leipziger Buchmesse erschienenen Roman "Feuchtgebiete" locker über Analsex und Ausscheidungen jeglicher Art, macht sich über Sauberkeitszwang lustig, verletzt gezielt Ekelschwellen und löste eine Mediendebatte aus, die ihrem "versauten Debütwerk" wochenlang den Spitzenplatz in Bestsellerlisten und einen der größten Verkaufserfolge auf dem deutschen Buchmarkt sicherte.

Die 18-jährige Helen Memel liegt im Krankenhaus wegen Hämorrhoiden und einer Verletzung, die sie sich bei der Intimrasur zugezogen hat. Sie beschäftigt sich obsessiv mit ihrem Körper, dem Krankenpfleger Robin und ihrer Avocadokern-Sammlung. "Die sind ihre Ersatzfamilie", sagt Dorsch. "Das Mädchen ist durch die Trennung der Eltern traumatisiert, fühlt sich einsam und allein gelassen." In Roches Roman geht es für den Regisseur um Verdrängung, um das Ausweichen in Scheinwelten und eben auch um die Flucht in die Feuchtgebiete. "Es ist für mich die Coming-of-age-Geschichte einer jungen Frau aus der Generation Porno."

Ein Schauspielerkollege hat Peter Dorsch das Buch in die Hand gedrückt. ",Das ist doch genau deine Art von Humor', meinte er. Ich fand's auch lustig und habe mich die ersten 50 Seiten totgelacht, bis sich bei mir der Porno-Effekt einstellte." Die ersten zehn Minuten finde man das noch geil, nach einer Viertelstunde aber werde es langweilig. Außerdem sei er hart im Nehmen, erzählt der 45 Jahre alte Regisseur. "Während meiner Schauspielausbildung habe ich zwei Jahre lang in einem Sexshop gejobbt." Anekdoten und Erlebnisse von damals verarbeitet er übrigens in einem Monolog für eine Schauspielerin. "Peggy's Porno Paradies" hat 2011 in Köln Premiere.

Im August 2009 hat Peter Dorsch die Theater-Liga mit dem Dramaturgen und Regisseur Kolja Schallenberg gegründet. "Wir sind auf der Suche nach Verbindungsformen von den klassischen zu innovativen, zeitgenössischen Spielformen, wollen die Fantasie der Zuschauer aktivieren, sie dabei anspruchsvoll unterhalten und zum Weiterdenken animieren", skizziert der künstlerische Leiter sein Konzept eines zeitgemäßen Theaters. Dorsch, als Schauspieler in Karlsruhe ausgebildet, war von 2004 bis 2008 Regieassistent am Thalia-Theater, assistierte als Gast am Wiener Burgtheater, bei den Salzburger und Bregenzer Festspielen. Am Thalia erarbeitete er zwei Studioabende mit Texten von Thomas Bernhard, inszeniert nun als freischaffender Regisseur am Bremer Theaterlabor, an den Kammerspielen Paderborn, am Landestheater Schwaben und in Köln.

"Feuchtgebiete" ist die dritte Produktion der Theater-Liga. Warum also bringt Dorsch das Buch auf die Bühne? Erstens packt er gern heiße Eisen an. Zweitens verschafft ihm die vom DuMont-Verlag abgesegnete Fassung Aufmerksamkeit. Und nicht zuletzt interessiert ihn an der Geschichte die kaputte Familie. "Die Tochter hat ihre Mutter und den Bruder in letzter Minute vor dem Suizid retten können und ist dadurch traumatisiert."

Auf die Tragödie konzentriert sich Dorsch mit den vier Darstellern. "Sie hat natürlich auch immer komische Seiten. Ich versuche mit den Schauspielern die Probleme hinter dem provozierenden Verhalten des einsamen Scheidungskinds Helen aufzudecken."

Den Figuren gibt er manchmal comichafte Züge, lässt auch seine Inszenierung nicht in einem Krankenhaus spielen. "Bei mir gibt es kein Bett auf der Bühne. Ich will auf keinen Fall Naturalismus herstellen und damit auch spezielle Erwartungen des Publikums unterlaufen."

Feuchtgebiete 17./18.7., 20.30 Uhr, Bürgertreff Altona-Nord (S Holstenstraße), Gefionstraße 3, Karten 9,-, 7,- ,T. 428 38 41 65, tickets@kaltstart-hamburg.de