"Die ganz Abgezockten schreiben Dramen"

Heute startet der 34. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Der Poetik-Dozent Hanns-Josef Ortheil weiß, wie man heutzutage Schriftsteller wird

Es wird ein Schaulaufen der Gegenwartsliteratur und endet, wenn es gut läuft, irgendwo zwischen Showbiz, Anbiederung, Brillanz - und guten Texten. Bis zum Sonntag lesen wieder 14 Autoren, neun aus Deutschland, drei aus Österreich und zwei aus der Schweiz, um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Heute beginnt der Wettbewerb, dem Sieger in dieser "Literarischen Leistungsschau", die von 3sat live übertragen wird, winken 25 000 Euro. Wie aber rekrutiert sich dieser Nachwuchs? Hanns-Josef Ortheil, Leiter des Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim, über das Schreibenlernen, Erzählen im iPad-Zeitalter, Wetten auf den Klagenfurt-Gewinner und den lebensklugen Sex-Appeal eines Literaturdozenten.

Hamburger Abendblatt:

In musikwissenschaftlichen Instituten ist Notenlesen keine Voraussetzung mehr fürs Studium, Journalisten-Akademien müssen ihren Studenten erst mal erklären, was eine Rezension überhaupt ist. Ist die Bildungskrise auch bei den Literaturinstituten angekommen?

Hanns-Josef Ortheil:

Aber ja. Ich schlage inzwischen vor, den jungen Leuten die Schulbildung im Fach Deutsch zu ersparen. Denn was gegenwärtig dabei herauskommt, ist den Namen nicht wert. Kaum Lieblings-Texte, kaum brauchbares Schreiben, aber viel "da habe ich irgendwo und irgendwie schon mal von gehört". Das Fach Deutsch ist zu einer Gerätestube für oft geradezu haarsträubendes Dauer-Interpretieren von willkürlich herangezogenen Textbrocken geworden. Da gibt es kaum Raum für Kreativität oder die Meinungen und Anregungen von Schülerinnen und Schülern.

Haben Ihre Studenten noch so etwas wie einen Kanon im Kopf?

Nein, aber den brauchen sie ja auch gar nicht. Was sie aber brauchen, ist eine starke Bindung an Lieblings- und Vorbild-Texte, eine sehr gute Kenntnis der Gegenwartsliteratur und eine geschulte, in Jahren lustvoll entwickelte Schreibfähigkeit. Und gerade all das bieten die Schulen meistens nicht.

Inwieweit schreibt man ohne einen solchen Kanon anders? Schreibt man naiver, am Ende gar befreiter?

Jeder Schreiber hat ein eigenes, ihm zu Beginn seines Schreibens unbekanntes Schreibprofil und kann deshalb nur ganz bestimmte Texte in einem ganz bestimmten Ton schreiben. Um sein eigenes Schreibprofil zu ermitteln und zu schärfen, muss er sich selbst mithilfe von aufmerksamen "Beobachtern" ununterbrochen in den verschiedensten Genres und Stillagen testen. Dabei kristallisiert sich im günstigsten Fall "das eigene Schreiben" - Themen, Genres, Stil - heraus. Ein "Kanon" spielt dabei keine Rolle, wohl aber eine "subjektive Bibliothek" von Leittexten.

Welche Verschiebung in der kulturellen Sozialisation erleben Sie bei Ihren Studenten? Ist Fernsehen noch wichtig, ist Internet, außer als Informationsmedium, wichtig? Und wo steht das Buch?

Das zentrale Leitwissen ist internetbezogenes Sachwissen, Fernsehen hat an Bedeutung sehr verloren, viel wichtiger ist wieder der Film. Das Buch wird aber als "Ware mit Eigenleben", das sind Layout, Design, Individualität, Emotion, durchaus sehr geschätzt, und zwar in den Formen, die Kleinverlage gegenwärtig kultivieren. Eine Gruppe Hildesheimer Studenten hat vor Jahren sogar einen solchen Verlag gegründet und reihenweise Prämierungen für das "schönste Buch des Jahres" erhalten.

Die elektronische Revolution, in der wir stecken, Dinge wie iPad oder E-Books erweitern unter anderem auch die literarische Kampfzone. Wie gehen Literaturinstitute mit ihm um? Werden neue Erzählformen geprobt?

Neue Erzählformen sehe ich nicht, und ich frage mich auch, wie es die denn noch geben sollte. Dafür gibt es aber ein schnelleres, internetgesättigtes Erzählen, orientiert an Videoclip- und Film-Techniken, in der Haltung an Popmusik. Und es gibt eine stärkere Ausrichtung des Erzählten an recherchiertem, dokumentarischem Material. Daneben hat die Lyrik einen viel höheren Stellenwert als früher, und unsere ganz abgezockten Studenten schreiben sowieso nur noch Dramen. Die werden noch während der Niederschrift aufgeführt, und man verdient damit schnelles Geld.

Hat das, was dabei erprobt wird, Einfluss auf Ihr eigenes Erzählen?

Nein, ich glaube nicht. Aber ich werde auf natürliche und produktive Weise zu einem psychisch und physisch mobilen älteren Knaben, der immer auf dem neuesten Stand der Dinge ist und dem kein Jüngerer so schnell etwas vormachen kann. Das beruhigt enorm, und es ist anregend, weil man wie nebenbei laufend noch etwas Neues lernt. Wahrscheinlich könnte ich den definitiven Hegemann-Scene-Kid-Roman schreiben, sogar ohne Zitate und Plagiate.

Welches Verhältnis pflegen Ihre Studenten zum Zitat, Plagiat, Mashup?

Zitate und Plagiate sind Formen der Bewunderung und der Anbetung. Man zitiert und plagiiert nichts, was man danebenfindet. Die Vorstellung, Zitate und Plagiate seien Ausdruck einer hilflosen Sekundär-Verwertung, ist anachronistisch. Das gesamte Internet ist ein einziges Zitieren und Plagiieren, gute Literatur kultiviert das, indem sie schillernd, elegant und bewusst mit Zitaten, Plagiaten und Traditionen umgeht und gute Literatur umschreibt. In Hildesheim nennen wir das den "Daniel-Kehlmann-Effekt".

Sind Veranstaltungen wie Klagenfurt, in denen Menschen lange Texte vorlesen, nicht vollkommen anachronistisch?

Das "Projekt Klagenfurt" ist Kult. Dauerlesen, Dauerrezensieren, wie in einem Gefangenenlager. In Hildesheim organisieren wir jeden Tag ein Klagenfurt-Public-Viewing und hören, sehen und trinken tagelang besinnungslos alles, von Spinnen bis Isenschmid. Gleichzeitig laufen Wetten bei britischen Wettbüros, auch da macht man schnelles Geld, wenn man noch während der laufenden Lesungen auf die späteren Gewinner setzt. All das zeigt bereits, dass man aus alten Wegen der Literaturvermittlung im Handumdrehen neue Wege machen kann!

Bereiten Sie Ihre Studenten im Umgang mit Medien vor? Dass sie gewappnet sind, falls der Bachmannpreis an sie geht oder eine zweite Hegemann-Debatte über sie hereinbricht?

Meine Hildesheimer Kollegen und ich sind entspannte, medienerfahrene Trainer und Lebenskluge, denen gegenüber selbst noch Jogi Löw wie ein verkrampfter Seitenaus-Zombie wirkt. Das heißt, wir strahlen alles aus, was man für den Umgang mit den Medien braucht: Konzentration, Sex-Appeal, Leichtigkeit, mit einem Wort: "Sprezzatura". Voraussetzung ist die laufende Beobachtung des Literaturbetriebes. In Hildesheim heißt dieses Studienprogramm "Jetztzeit". Wer das durchlaufen hat, vermeidet peinliche Auftritte und besteht bei Harald Schmidt besser als vor Kurzem Rainald Goetz.

Können Sie den Satz: Absolventen der Literaturinstitute könnten erzählen, wüssten aber nicht, was sie erzählen sollen, weil sie nichts erlebt haben, eigentlich noch hören? Entbehrt er jeden Kerns von Wahrheit?

Nein, natürlich entbehrt dieser Satz nicht der Wahrheit. Allerdings entbehrt auch der Satz, gerade unsere ältesten, über 80-jährigen Schriftsteller können erzählen, wissen aber nicht, was sie erzählen sollen, weil sie nichts erlebt haben, nicht der Wahrheit. Die Texte der sehr Jungen und der sehr Alten sind einander also sehr ähnlich. Kein Zufall also, dass unsere beiden wichtigsten Literaturinstitute - Leipzig und Hildesheim - von lebenserfahrenen und weit gereisten Dozenten in genau dem richtigen, mittleren Alter geleitet werden!