Neue Platte

"Come On Eileen" – ein Hymne für die Ewigkeit

| Lesedauer: 4 Minuten
Thomas Andre

Eileen? Komm schon! Nach 27 Jahren veröffentlichen die Dexys Midnight Runners ein neues gelungenes Album - beim Hamburger Label Buback.

Ein Lied von Dexys kennt jeder: "Come On Eileen" - Übersong, Superhit, olle Tanzkamelle. Im Video laufen vier abgerissene Typen mit Wollmützen herum. Proletarierchic, erfolgloses Gebalze um englische Jungmädchen: 1982 sang wirklich jeder "Come On Eileen", und wer sein Herz auf dem rechten Fleck hat, der dreht immer noch am Lautstärkeregler, wenn das Stück im Radio läuft.

Die Band, die damals mit "Come On Eileen" eine Hymne für die Ewigkeit schrieb (behaupten wir jetzt einfach einmal), hieß übrigens, die Älteren unter uns werden sich erinnern, Dexys Midnight Runners. Viele Jahre später nun ist daraus das kurze und schnittige Dexys geworden. Viele Jahre heißt ganz genau: 27 Jahre. Mehr als ein Vierteljahrhundert haben die fabelhaften Musiker mit ihrer Melange aus Pop, Rock und Soul, die, wie vieles in den 80er-Jahren unter dem Label "New Wave" lief, keine neuen Songs geschrieben. Die Platte von 1985 heißt "Don't Stand Me Down", die neue und vierte trägt den Namen "One Day I'm Going To Soar" und erscheint beim Hamburger Label Buback. Es ist ein gelungenes Comeback, das es schafft, nicht wirklich nostalgisch zu sein.

Kevin Rowland, der Sänger und wichtigste Mann bei der zurzeit neunköpfigen Band (Dexys Midnight Runners war immer eine "große" Band), ist hier und heute, im Jahr 2012, reife 58 Jahre alt. Und wenn nicht alles täuscht, hat Rowland mit "One Day I'm Going To Soar" die souligste Platte seiner Karriere gemacht. Eine richtige Alterswerkplatte vielleicht sogar. Mit Streichern, Liebeshändeln und allem Pipapo, was vor allem heißt: Es sind Zwiegespräche zu hören. In einem Song singt die Londoner Schauspielerin Madeleine Hyland, und die bilateralen, gesungenen Gespräche zwischen Mann und Frau sind immer schon ganz toll gewesen. Schöner kann man Liebesstress nicht sublimieren.

+++ Redaktions-Charts +++

Vom Freud zur Freude: Die stellt sich beim Hören der neuen Songs nicht nur bei denen ein, die Dexys Midnight Runners noch live erlebt haben. "I'm Thinking Of You" ist neben "I'm Always Going To Love You" das zentrale Lied dieses lässig aus der Hüfte gespielten Reigens. Live sind die Dexys ja bereits wieder 2003 zusammengekommen, und von der 1980er-Besetzung sind neben Rowland noch Jim Paterson, Pete Williams und Mick Talbot dabei.

Man würde nun gerne wissen, ob jemand, der einen süffigen Schunkler wie "Incapable Of Love" so überzeugend und launisch dahersingt wie der hier und da geradezu croonende und dann wieder säuselnde Kevin Rowland, ob dieser neu geborene Künstler eigentlich noch auf die alten Zeiten angesprochen werden will.

Nicht unbedingt, wissen die, die ihn interviewt haben. "Come On Eileen"? Komm schon, das ist Myriaden von Jahren her! Aber auskunftsfreudig ist er selbst in seinen Songs: Der Song "Nowhere Is Home To Me" erinnert an seine Herkunft. Er wurde in eine irische Familie in England geboren. Das kann Identitätsprobleme nach sich ziehen.

Nach dem letzten Album der Dexys Midnight Runners hat Rowland ein paar Solo-Versuche und Drogenversuche unternommen, da war erst mal nicht mehr viel mit dem Rebellen, der Anfang der 80er ganzseitige Anzeigen schaltete, die seine Ansichten - politischer und künstlerischer Natur - ungefiltert wiedergeben sollten. Ein Teufelskerl! Einer, der weißen Soul machte und nun mit weißem Soul zurückkommt, gerade richtig in einer Zeit, in der der neueste Neo-Soul nach Art der Adeles und Michael Kiwanukas Erfolge feiert. Auf "One Day I'm Going To Soar" zitiert Rowland den großen Marvin Gaye.

Das Album mit seinen schön instrumentierten Songs und dem nicht minder bestrickenden Gesang des alten Top Old Soul Boy ist eines wie aus einem Guss. Die Selbstbefragungen ("Me") Rowlands dürften noch nicht abgeschlossen sein: Die Chancen stehen also gut, dass es bis zur nächsten Veröffentlichung nicht wieder ein Vierteljahrhundert dauert.

Bis dahin darf man wohl in die metaphorische Klischeekiste greifen, immer dann, wenn man "One Day I'm Going To Soar" hört: Soul ist wie guter Wein, er schmeckt gereift noch besser.

Dexys: "One Day I'm Going To Soar" (Buback)