John Irving

Im Abaton: Irvings Werk und Schäfers Beitrag

Das Abaton zeigt den aufschlussreichen Dokumentarfilm "John Irving und wie er die Welt sieht" vom Regisseur André Schäfer.

Abaton. Im Herbst war John Irving auf Lesereise durch Europa. Jetzt kommt er schon wieder zurück, aber anders. Dokumentarfilmer André Schäfer hat ihn auf der Tour begleitet und zu Hause besucht. Er hat ihm beim Trainieren und beim Arbeiten über die Schulter geschaut. Das Ergebnis ist der Film "John Irving und wie er die Welt sieht", der am Sonntag im Abaton läuft. Er ist zugleich ein Geburtstagsgeschenk, am 2. März wird der US-Autor 70 Jahre alt.

Der Titel ist natürlich eine Anspielung auf einen seiner größten Erfolge: "Garp und wie er die Welt sah" aus dem Jahr 1978. Irving hat mehr als ein Dutzend meistens dickleibige Romane geschrieben, in denen immer wieder Bären und schutzbedürftige Kinder vorkommen. Oft geht es in seinen Büchern grotesk und makaber zu. In der Schilderung von Sexualität ist er explizit. Man merkt, dass Günter Grass, mit dem er auch befreundet ist, zu seinen Vorbildern zählt. Auch Charles Dickens hat ihn beeinflusst.

+++ John Irving glaubt nicht an die Moderne +++

Seine Bücher, erzählt Irving, beginnt er stets mit dem Schluss. Erst wenn der steht, arbeitet er sich weiter in Richtung Anfang vor. In Notizbüchern entwirft er "Straßenpläne" für das, was er später schreiben will. Er überarbeitet sie heftig. Dafür braucht er Durchhaltevermögen, das er sich beim Sport holt. Auch mit 69 Jahren springt Irving noch immer Seil und schuftet auf dem Hometrainer. Aber eigentlich ist er ein Ringer. Vom 14. bis zum 34. Lebensjahr bestritt er zahlreiche Ringkämpfe und zehrt von diesen Erfahrungen. Eine Ringmatte hat er sich als Tattoo auf den Unterarm stechen lassen. "Ringen war die erste Sache, in der ich gut sein wollte", erinnert er sich. "Man entblößt sich dort wie beim Schreiben." Der Film zitiert aus seinen Werken wie "Letzte Nacht in Twisted River", "Witwe für ein Jahr", "Das Hotel New Hampshire" und "Gottes Werk und Teufels Beitrag". Natürlich muss der Film auch nach Wien führen, denn während seines Literatur-Studiums dort hatte Irving überhaupt erst die Idee, selbst zu schreiben. Er verbrachte viel Zeit in den Kaffeehäusern, äußert sich aber auch kritisch über die Fremdenfeindlichkeit, die ihm dort begegnet ist. Nur zwei Semester studierte er in der Praterstadt, aber noch immer kann er Deutschkenntnisse aufblitzen lassen.

Die Dokumentation führt auch nach Amsterdam, Köln und Hamburg. Sie zeigt Irving beim Harbour Front Literaturfestival und am Hauptbahnhof. Schäfer schildert den Autor als akribischen Rechercheur und stellt Menschen vor, bei denen sich der Amerikaner Rat geholt hat: Ärzte, Organisten, Tätowierer, Prostituierte und Köche kommen zu Wort und berichten verschämt und auch ein bisschen stolz, wie sie ihm geholfen und sich in den Büchern wiedergefunden haben.

+++ Ein Spiegel und Strom des Erzählens +++

Familiengeheimnisse spielen in Irvings Romanen oft eine Rolle. Der Film enthüllt, dass er selbst lange Zeit eines mit sich herumtrug, ohne es zu wissen. Seine Eltern trennten sich vor seiner Geburt. Die Mutter wollte nicht, dass er zu seinem leiblichen Vater Kontakt hatte, zumal er sich mit seinem Stiefvater gut verstand. Der leibliche Vater kam zu den Ringkämpfen seines Sohnes, gab aber seine Identität nicht preis. Irving erfuhr davon erst nach dessen Tod.

Es ist ein sehr lebendiges und aufschlussreiches Porträt geworden. Bevor der Film am Donnerstag regulär ins Kino kommt, zeigt ihn das Abaton vorab. Regisseur André Schäfer und Cutter Fritz Busse stellen ihn am Sonntag vor.

"John Irving und wie er die Welt sieht" So 26.2., 17.00, Abaton (Metrobus 4 + 5), Allende-Platz 3, Eintritt 7,50/6,50; www.abaton.de