Kampnagel

"The Stolen Smells": Oper mit Slapstick

Foto: Chris Stock Photography

Grotesk, britisch: Das Werk "The Stolen Smells" des Komponisten Simon Wills feiert am Wochenende deutsche Erstaufführung in Hamburg.

Luzern. Simon Wills redet gern, aber bei diesem Thema wird er einsilbig. Es muss stürmisch gewesen sein beim Segeln an jenem Tag, der schon Jahrzehnte zurückliegt. Er habe sich an einem Geländer festgehalten, als ein Propangasbehälter aus der Halterung rutschte und ihm auf die Hände fiel. Der linke Mittelhandknochen brach, die rechte Hand bekam auch etwas ab. Für niemanden eine gute Nachricht, eine verheerende für einen, der von Berufs wegen Barocklaute spielt. "Heute könnte man das bestimmt operieren, aber damals ..." Wills kann seine linke Hand seitdem nur noch sehr eingeschränkt benutzen. Er lernte Posaune - das einzige Instrument, bei dem man die Finger zur Tonerzeugung nicht braucht.

Weniger als vier Stunden vor der Uraufführung seiner Oper "The Stolen Smells" (Die gestohlenen Gerüche) sitzt Simon Wills, 54, im Foyer des Luzerner Theaters und gibt Interviews. "Als ausübender Künstler lernt man, sich das Adrenalin zum Freund zu machen", sagt der Komponist, der die Vorstellung auch dirigieren wird. Jetzt kann man sowieso nichts mehr ändern, besser machen, korrigieren. Anderthalb Monate Probenarbeit liegen hinter ihm und dem Team - sechs Solisten, 25 Orchestermusiker, 16 Chorsänger. Die Inszenierung hat Dominique Mentha übernommen, Hausherr am Luzerner Theater. Und der Auftraggeber des Werks ist eigens aus Hamburg angereist: Thomas Hengelbrock, seit dieser Saison Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters.

Wills weiß nicht mehr, wie lange die beiden einander schon kennen. "Das Musikbusiness ist ein kleines Dorf, jeder kennt jeden", behauptet Wills. Hengelbrock weiß es besser: "Simon habe ich 1995 auf einer Probe kennengelernt. Da schlurfte ein Typ im Südwester rein, mit Regenmantel und Gummistiefeln. Als er die Posaune ansetzte, verschwand das Gesicht komplett unter der Hutkrempe. Ich unterbrach und fragte, was der Aufzug zu bedeuten habe. 'Ich denke, wir proben das Vorspiel zum "Fliegenden Holländer", da muss man sich doch wappnen', kam als Antwort. Ein unvergesslicher Auftritt."

Es steckt etwas von der Monty Pythonschen Liebe zur Groteske in diesem Simon Wills; auch in der Musik und im selbst geschriebenen Libretto zu "The Stolen Smells" blitzt ein britisch-anarchischer Humor auf, eine unstillbare Lust, die Konventionen zu durchbrechen. "And now for the Schlusschor" singt etwa als Einleitung zum Finale der Bass Patrick Zielke, der drei Personen in einer Figur verkörpert, den Erzähler, Kerkermeister und Zauberer Kadayif. Das Gestotter des miserablen Dichters Djemaal wird zum Running Gag in der Orchesterpartitur ("Dje-Dje-Dje-Maal"), auch gibt es sehr hübsche, präzis gearbeitete Slapstick-Momente. Wills' von ihm selbst "harmlos semi-tonal" genannte Musik ist Takt für Takt die Schöpfung eines absolut individuell komponierenden Zeitgenossen, der frei von allen Schulen, Moden und Trends eine unverwechselbare Klangsprache entwickelt. Ungeachtet ihrer orientalischen Genesis enthält die Oper keinerlei Anspielungen auf arabische Musik. "Ich bin Nordeuropäer, ich liebe den Kontrapunkt. Wenn ich arabische Elemente verwenden würde, die ich über alles liebe, käme ich mir vor wie in einem Faschingskostüm."

Ihre Entstehung als Opernlibretto verdankt die aus dem Orient überlieferte Geschichte von den gestohlenen Gerüchen der exzessiven Reisefreude des Komponisten, der als Dirigent bislang in 73 Ländern aufgetreten ist. Doch kennt man sie auch in anderen Kulturen. Während der Proben fand der Regisseur Dominique Mentha im "Till Eulenspiegel" eine Version jenes Lehrstücks über einen allzu gierigen Bäcker, der von einem mittellosen Dichter Geld verlangt, weil der sich am Geruch seiner Backwaren berauscht. Es gibt auch eine japanische Fassung.

Auf Diebstahl steht Handabhacken, nicht nur in den Gesetzbüchern der Märchenerzähler Bagdads. Doch so frohgemut Kadayif schon das Beil schwingt: Es wird niemanden wundern, dass die Geschichte und vor allem eine Oper von Simon Wills mit dem endgültigen Verlust einer Hand unmöglich enden kann. Wenn Thomas Hengelbrock "The Stolen Smells" am kommenden Wochenende auf Kampnagel zur deutschen Erstaufführung bringt - mit dem Luzerner Team und Musikern des NDR Sinfonieorchesters -, ist dies bereits die fünfte Arbeit, die Simon Wills in seinem Auftrag erledigt. Die beiden verbindet eine Freundschaft, die etwas Magisches hat. "Tom erreicht mich immer an den unmöglichsten Orten der Erde", erzählt Wills. "Und jedes Mal kommt er mit einer verrückten Idee."

Nach einem Gedicht Bertolt Brechts über Laotse braucht der Weise einen, der ihm seine Weisheit auch abverlangt. Thomas Hengelbrock glaubt mit der Kraft und Liebe eines wahren Impresarios an die Musik des verschrobenen Briten. Dass im Wagnis des Entdeckens auch das Wagnis des Scheiterns lauert, schreckt Hengelbrock nicht. "Jedes seiner Stücke war bisher besser, stärker als das zuvor. Simon Wills ist ein Genie. Vielleicht das einzige, das wir zurzeit haben."

"The Stolen Smells" Deutsche Erstaufführung, 4.2., 20 Uhr; 5.2., 16 Uhr, Kampnagel, Jarrestr. 20, Karten im Internet und unter T. 27 09 49 49

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