Vadim Glowna ist gestorben

Charakterkopf des deutschen Films: Trauer um Vadim Glowna

Der mit 70 Jahren gestorbene Vladom Glowna hatte ein ungewöhnliches Leben, das selbst viel Stoff für eine Verfilmung bieten würde: Im Kriegsjahr 1941 in Eutin (Schleswig-Holstein) geboren wuchs der Sohn eines Seemanns in ärmsten und rauen Verhältnissen in Hamburg auf. Später drehte er Filme mit Filmgrößen wie Claude Chabrol, Romy Schneider und Klaus Kinski.

Berlin. Er war einer der Charakterköpfe des deutschen Films: Vadim Glowna spielte in mehr als 160 Kino- und Fernsehproduktionen mit. Er drehte mit Größen wie Claude Chabrol, Romy Schneider und Klaus Kinski, unter Gustaf Gründgens und Peter Zadek stand er auf der Bühne. Die Spanne seiner Werke reichte vom „Tatort“ bis zum „Faust“. In der Nacht zum Dienstag ist „Der Geschichtenerzähler“ – so nannte der Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur seine Memoiren – im Alter von 70 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in Berlin gestorben. Glowna war noch bis zuletzt aktiv, so war er in der ZDF-Saga „Borgia“ zu sehen und spielte in der ARD-Serienfolge „Bloch – Die Fremde“ mit. Ende 2011 drehte er in Italien mit Rudolf Thome „Ins Blaue“, in Australien stand er für den TV-Film „Jack Irish – Bad Debts“ vor der Kamera.

„Ich habe noch viel vor", sagte er noch vor vier Monaten in einem Interview. Damals stand er gerade für Rudolf Thomes Film „Ins Blaue“ vor der Kamera. Vadim Glowna war ein großartiger Charakterdarsteller und bezeichnete sich selbst als „stolzen Einzelkämpfer“. Glowna hatte ein ungewöhnliches Leben, das selbst viel Stoff für eine Verfilmung bieten würde: Im Kriegsjahr 1941 in Eutin (Schleswig-Holstein) geboren wuchs der Sohn eines Seemanns in ärmsten und rauen Verhältnissen in Hamburg auf. In St. Pauli hatte er 1962 eine Rauferei mit – dem damals noch nicht berühmten – John Lennon, der ihm im Star-Club die Freundin ausspannte.

Er floh aus der kaufmännischen Lehre nach Paris. „Ich hatte die vage Vorstellung, ich will Pantomime werden und muss Marcel Marceau suchen.“ Mit Gelegenheitsarbeit schlug er sich durch und übernachtete in einem ausgedienten Metro-Wagen. „Wir lebten von Mundraub und Gelegenheitsarbeiten in den Großmarkthallen“, erzählte er. Frauen steckten ihm als Eintänzer in Piano-Bars und manchmal auch für Liebesdienste Scheine zu. Restaurants verließ er auch schon mal, ohne zu bezahlen, und an der Cote d’Azur brach er in Ferienhäuser ein. Ein am Strand gefundenes Buch über das Theater war der entscheidende Anstoß, nicht Pantomime, sondern Schauspieler zu werden. Deshalb kehrte Glowna zurück nach Deutschland.

Glowna spielte in mehr als 160 Kino- und Fernsehproduktionen mit. "Vielleicht sind zehn sehr wichtig und eindrucksvoll gewesen", sagte Glowna einmal in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung“. Er drehte mit Größen wie Claude Chabrol, Romy Schneider und Klaus Kinski, unter Gustaf Gründgens und Peter Zadek stand er auf der Bühne. Die Spanne seiner Werke reichte vom "Tatort“ bis zum "Faust“. "Der Geschichtenerzähler" nannte der Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur seine Memoiren. Sein Herz schlug vor allem für Außenseiter-Figuren. Geboren wurde der Schauspieler in Eutin in Schleswig-Holstein, seinen Nachnamen verdankte er seinem polnischstämmigen Adoptiv-Vater. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Glowna in den Nachkriegs-Trümmern im Hamburger Stadtteil St. Pauli und im Internat in Timmendorf an der Ostsee. Dort flog er vor dem Abitur von der Schule, weil er im Affekt einen Lehrer geohrfeigt hatte.

Während seiner Ausbildung zum Schauspieler schlug er sich als Nachtpage und Seemann durch, bis er 1961 von Gründgens am Hamburger Schauspielhaus vom Statisten zur Sprechrolle in "Faust II“ befördert wurde – der Beginn seiner Bühnenkarriere. Bis 1972 war Glowna am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg engagiert. 1975 gab er dort sein Debüt als Theaterregissseur mit Jellicoes "Was ist an Tolen so sexy?". Am Bremer Theater gab er unter Zadeks Regie den Melchior in Wedekinds "Frühlingserwachen“ und den Karl Moor in Schillers "Räubern“ – für Glowna war es "die Schule überhaupt“. 2011 bekam er den Bremer Stadtmusikantenpreis. Bis zuletzt stand Glowna noch vor der Kamera. In der ZDF-Saga "Borgia“ war er zu sehen und spielte in der ARD-Serienfolge "Bloch – Die Fremde“ mit. Ende 2011 drehte er in Italien mit Rudolf Thome "Ins Blaue", in Australien stand er für den TV-Film "Jack Irish – Bad Debts“ vor der Kamera.

In Frankreich verlebte er wilde Monate, trank unter den Brücken von Paris mit den Clochards Rotwein und brach auf der Suche nach Essen in Ferienhäuser ein. In seiner Biografie beteuert er, dabei stets einen Zettel mit "Merci“ hinterlassen zu haben. Glowna konnte auch ein Hallodri sein. Als Junge brach ihm bei einer Schlägerei die Nase, die ihn mit zur "Type“ machte.

Sein Filmdebüt hatte Glowna 1964 in Johannes Schaafs "Im Schatten der Großstadt“. Er brillierte in Literaturverfilmungen wie Feuchtwangers "Exil“, Frischs "König Blaubart“, Walsers "Ein fliehendes Pferd“ oder Bölls "Gruppenbild mit Dame“ mit Romy Schneider. Als einem der wenigen deutschen Schauspieler gelang Glowna auch der Sprung auf das internationale Parkett, mit Filmen wie Chabrols Remake von "Stille Tage in Clichy“ oder Sam Peckinpahs Kriegsfilm "Steiner – Das eiserne Kreuz“.

Bei Krimis wie "Der Alte“ oder "Siska“ führte er auch selbst Regie. Einen großen Erfolg hinter der Kamera feierte er mit der Großstadtballade "Desperado City“, die 1981 beim Festival in Cannes als bestes Debüt geehrt wurde. Seine letzte Regiearbeit, die Romanverfilmung "Das Haus der schlafenden Schönen“, kam 2006 ins Kino.

In der Fernsehdoku "Tschechow in meinem Leben“ (1985) begleitete Glowna seine damalige Frau Vera Tschechowa nach Russland. Für Oskar Roehlers "Die Unberührbare“ wurde er für einen Deutschen Filmpreis nominiert, Lob gab es auch für "Schwabenkinder“ von Jo Bauer.

Glowna war ein Vielspieler mit einem Herz für die Rolle des Außenseiters. Wenn er im Krimi auftrat, witterten Fernsehzuschauer oft den Mörder. Das Feuilleton-Etikett "Bösewicht vom Dienst“ mochte er nicht. "Die Strauchelnden, die ich spiele, sind meist ganz einfach nicht stark genug, sich aufrecht zu halten“, sagte Glowna einmal.

Mit Material von dpa

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