Interview

Comic war früher: Marjane Satrapis "Huhn mit Pflaumen"

Die iranisch-französische Filmemacherin ("Persepolis") hat einen neuen Film gedreht, der im Persien der 1950er-Jahre spielt.

Hamburg. Mit dem Debütfilm gleich einen Welterfolg landen? Hat Marjane Satrapi geschafft. Ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen im Iran und Europa hat sie in „Persepolis“ erfolgreich verarbeitet. Auch in ihrem zweiten Film greift sie auf ihre Familiengeschichte zurück, die sie zuvor in einer Graphic Novel festgehalten hat. „Huhn mit Pflaumen“ erzählt von einem Geiger, dessen Lebensmut versiegt, als sein Lieblingsinstrument zerbricht. Die in Paris lebende Regisseurin konnte dafür auf so hochkarätige Darsteller wie Mathieu Amalric, Chiara Mastroianni und Isabella Rossellini zurückgreifen. Beim Filmfest Hamburg stellte die 41-Jährige ihr neues Werk vor.

Hamburger Abendblatt: Frau Satrapi, es ist noch nicht einmal 9 Uhr. Sind Sie eine Frühaufsteherin?

Marjane Satrapi: Überhaupt nicht. Ich mache eigentlich nichts Wichtiges vormittags, stattdessen arbeite ich lieber bis in den Abend hinein. Die Zukunft gehört den Spätaufstehern.

Wie sehen Sie sich heutzutage? Eher europäisch oder asiatisch?

Als ich noch jünger war, kam es mir sehr schwierig vor, mit zwei Kulturen zu leben. Aber als Heranwachsender ist natürlich nichts einfach. Ich war eine Iranerin, die in Österreich zu einer französischen Schule ging. In meiner Heimat war Krieg, meine Eltern waren nicht da. Heute kommt es mir wie ein großes Glück vor. Es gibt nur eine Identität, und das ist die menschliche. Ich habe diesen Film mit einem Franzosen in Babelsberg mit einem deutschen Team gedreht. Die Schauspieler kommen aus Portugal, Italien, Marokko und dem Iran. Wenn Menschen aus so vielen Nationen sich bei einem so kleinen Projekt einigen können, ist doch alles möglich. So eine Liebesgeschichte wie in „Huhn mit Pflaumen“ kann überall passieren. Ich habe sie zwar in Teheran spielen lassen, weil man so auf Elemente wie Magie und Opium zurückgreifen kann. Aber so etwas kann auch in Hamburg, Berlin oder Paris passieren.

Steckt hier die Magie etwa in einem Kochrezept?

Die Bukhara-Pflaumen schmecken wirklich ungewöhnlich gut. Sie sind sehr groß und rund. Wenn sie reif sind und auf den Markt kommen, freuen sie die Männer: „Es gibt wieder Sophia Lorens.“ In der Filmhandlung markieren sie einen Wendepunkt. Sie zeigen an, dass in der Beziehung meines Protagonisten zu seiner Frau noch etwas möglich ist, und er vielleicht doch noch etwas essen wird. Wenn man das Vergnügen am Leben verliert, wird man sterben. Und das letzte Vergnügen ist das Essen. Diese Mischung aus dem salzigen Fleisch und den süßen Früchten würde sicher auch Deutschen gefallen.

„Persepolis“ war ein Animationsfilm, in „Huhn mit Pflaumen“ arbeiten sie zum ersten Mal mit Schauspielern. Warum haben Sie die Erzählform geändert und wie haben Sie die neue gefunden?

Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber bevor ich selbst zu zeichnen begann, habe ich nur drei Comics gelesen. Ich wollte etwas Neues probieren. Als Künstler hat man keine Sozialversicherung und keine Pension. Wenn ich also schon keine Sicherheiten habe, möchte ich wenigstens das tun, was ich möchte. Zuerst habe ich den Comic gezeichnet. Dann wollten wir ihn in einen Realfilm umsetzen, weil er zugleich eine Hommage für das Kino sein soll, das wir lieben: Ernst Lubitsch, Michael Powell, Alfred Hitchcock. Die haben es geschafft, ihre Zuschauer in ihre imaginäre Welt einzuladen. Wenn man sich darauf einlassen kann, ist nach fünf Minuten alles möglich. Reiner Realismus interessiert mich nicht so sehr.

Ihr Film erinnert eher an den magischen Realismus.

Die Oberfläche ist magisch, darunter lauert die Realität. Heute ist es ja fast ein Klischee, dass alle Erwachsenen ihre Kinder lieben. Aber warum gibt es dann so viele unglückliche Kinder, die später unglückliche Erwachsene werden? Weil er dieses Tabu anpackt, ist mein Film existenzialistisch, trotz der Magie.

Können Sie sich erklären, warum Graphic Novels in den vergangenen Jahren so populär geworden sind?

Ich bin darüber sehr glücklich, denn ich habe ja selbst davon profitiert. Als ich „Persepolis“ gezeichnet habe, war ich mir sicher, keinen Verleger dafür zu finden. Ich wollte die Zeichnungen nur fotokopieren und an meine Freunde verteilen. Dann hätte wenigstens zehn Leute eine neue Sichtweise meiner Erlebnisse kennengelernt. Ich hätte nie mit diesem Erfolg gerechnet.

Wie viele Exemplare haben sie verkauft?

Von allen meinen Büchern zusammen weltweit drei Millionen. Gut die Hälfte davon entfällt auf „Persepolis“.

Sind Sie süchtig nach Märchen?

Ich mag Dinge, die nicht normal sind. Wenn man genauer hinsieht, hat doch niemand wirklich ein normales Leben. Jedem passiert irgendwann etwas Merkwürdiges. Dazu braucht man weder Ufos noch Vampire.

Ihre Geschichte spielt im Iran in den 50er-Jahren. Warum haben Sie sich dieses Jahrzehnt ausgesucht, das Sie selbst gar nicht erlebt haben?

Ich mag historische Filme sehr. Die Geschichte des Landes ist untrennbar mit der Politik verbunden. In den 50-ern träumte die ganze Region von der Demokratie. Saddam Hussein und Assad waren damals demokratische Sozialisten. Das vergessen die Leute heute manchmal. Was ist bloß passiert, dass sie später zu Diktatoren wurden? Das hier ist nicht nur eine Liebesgeschichte, denn der Name einer meiner Charaktere ist schließlich Irane.

Lautet die Botschaft: Wenn du deine große Liebe nicht bekommen kannst, werde Künstler?

Für meinen Protagonisten schon. Wenn man glücklich ist, schafft man weniger, dann ist einem das Leben genug, so wie es gerade ist. Die Geschichte der Kunst ist dagegen die Geschichte der menschlichen Frustration. Aber es genügt nicht zu leiden, um etwas zu erreichen. Wir haben im Iran ein Sprichwort: Lieber Gott, wenn du mir schon nicht genug Geld gibst, um mich reich werden zu lassen, mach mich wenigstens dumm, damit ich das Leben genießen kann!

Was machen Sie, wenn Sie glücklich sind?

Mit meinen Freunden Kaffee trinken und mir Lippenstift kaufen. Normalerweise mache ich nichts Interessantes. Bevor ich richtig kreativ werde, muss schon etwas schief laufen.

Viele Filmemacher im Iran werden politisch verfolgt. Haben Sie zu ihnen Kontakt?

Nein. Mehr als die Hälfte meines Lebens bin ich jetzt schon in Europa. Und im Iran habe ich nie gearbeitet. Ich mache keine iranischen Filme. Ich mache französische Filme, die im Iran spielen mit Schauspielern aus aller Herren Länder. Aber das Schicksal meiner Kollegen dort berührt mich.

Ist es für die Filmemacher aus dem Iran auch eine Last, dass jeder von ihnen politische Filme erwartet?

Das ist nicht nur eine Last, sondern ein Mangel an Respekt. Sie sind doch keine politischen Phänomene. Man erwartet doch von den deutschen Regisseuren auch nicht, nur Filme über Angela Merkel zu machen. Gibt es dort nicht auch noch andere interessante Dinge als Bärte, Schleier und Atomwaffen? Was ist mit Essen, Liebe, Komödien und Fantasie? Wenn man mich darauf festlegen will, sage ich immer: Kann ich bitte etwas mehr Respekt als Mensch bekommen? Sie glauben gar nicht, was mir da schon alles passiert ist. Ich sollte an einer Ausstellung mit Kunst von Muslimen teilnehmen. Sie wollten jemand aus Indonesien, Iran, Bosnien, Marokko und amerikanische Moslems. Aber nur weil man aus einem dieser Länder kommt, ist man doch noch kein Moslem. Was ist mit den Atheisten oder Agnostikern? Das ist doch alles Quatsch. Man muss akzeptieren, dass die Menschen verschieden sind, bei den Muslimen wie bei den Christen oder jeder anderen Religion.

Aber warum verfallen die Leute so gern in Klischees?

Weil es einfacher ist. Wenn man „die Moslems“ sagt, werden aus Menschen abstrakte Vorstellungen. Danach ist es auch einfacher in den Irak einzumarschieren und Bomben zu werfen. Jeden Tag hören wir von Bombenanschlägen und Toten aus dem Land. Niemand scheint sich darum zu kümmern. Aber wenn zwei Menschen in den USA sterben, ist das gleich ein Desaster. Unglücklicherweise hat menschliches Leben in verschiedenen Ländern nicht den gleichen Wert. Da gibt es so viele Vorurteile. Deutsche gelten doch zum Beispiel als perfekt organisiert. Wo sind die denn? Ich habe mehrere deutsche Freunde, darunter sind ganz schön viele Messies.

Dieser Film ist der zweite Teil einer Trilogie. Wissen Sie schon, wie der dritte aussehen soll?

Es wird um meine Großmutter gehen, die sich als Mann verkleidet aus ihrem Elternhaus geschlichen hat. Sie hat geheiratet, sechs Kinder bekommen und dann ihren Mann verlassen. Die Geschichte wird wohl von den 20er- bis in die 60er-Jahre reichen. Es war für mich interessant zu sehen, was passiert, wenn ein junges, intelligentes und rebellisches Mädchen einfach loszieht und sich ihren eigenen Weg sucht. Als alte Frau war sie bitter und verhärtet. Aber sie hat einmal ganz anders angefangen. Was ist zwischendurch passiert? Wenn man versteht, warum die Leute so handeln, wie sie es tun, ist es auch viel einfacher sie zu lieben. Das interessiert mich einfach am meisten.