Rock: Foals

Flurfeger zum Tanzen nach Zahlen

Foto: Warner

Auf "Total Life Forever" verbinden die Foals rhythmische Experimente mit schweißtreibendem Funk.

Mathematik gilt selten als besonders sinnlich oder sexy und schon gar nicht als Rock 'n' Roll. Es sei denn, sie wird künstlerisch so überhöht wie bei den Foals. Arithmetisch aufgebaute Takte verbindet die Band derart intelligent mit Indie-, Rock- und Funkelementen, dass das scheinbar Spröde plötzlich seelenvoll und mitreißend wirkt. Schon der Titel ihres zweiten Albums "Total Life Forever" verheißt ein eigenwilliges, evolutionäres Konzept. Dabei ist es ungleich halluzinogener als der Vorgänger.

Vor zwei Jahren ließen die Foals, abgebrochene Studenten aus der Denkerstadt Oxford, erstmals aufhorchen. Ihr Debütalbum "Antidotes" brachte eine neue Klangfarbe in die Flut der britischen Neopunkbands. Es erinnerte an den Punk-Funk der Gang Of Four oder die US-Variante The Rapture: hysterisch, überdreht, nur ohne das große psychedelische Drama. Songs wie "Cassius" oder "Balloons" wirkten pedantisch präzise und zugleich kompliziert.

Für diese seltsame Musik wurde rasch eine stilistische Verirrung der Musikgeschichte hervorgekramt: die Tradition der Math-Bands. Bei einer solchen, der völlig übersehenen The Edmund Fitzgerald, haben Foals-Sänger Yannis Philippakis und Drummer Jack Bevan begonnen. Der Math-Rock entstand Ende der 1980er-Jahre, maßgeblich beeinflusst durch die experimentellen Klänge von Free-Jazzern wie John Zorn. Typisch für diesen Sound sind dissonante Akkorde, asymmetrische Taktarten und wüste Gitarrenrhythmen. Keine Musik, mit der man Mädchen betört. Und das galt wohl auch nicht als Ziel. Philippakis und Bevan war das irgendwann zu verkopft.

"Math und dergleichen geht uns am Arsch vorbei, wir wollen Musik machen, zu der die Mädchen tanzen", sagt Sänger Philippakis. Die Foals mixen Elemente der Math-Bands mit Krautrock, einer Prise Wahnsinn von den Talking Heads und Spuren von Minimal Techno. Heraus kommen trotzdem wunderbar kantige Harmonien und Polyrhythmen, die von manchen als Afro-Beat missverstanden wurden.

Drummer Jack Bevans nervöse Trommeln harmonieren aufs Feinste mit dem erstaunlich flexiblen Bass von Walter Gervers. Jimmy Smith lässt seine Gitarre zirpen wie einst Johnny Marr bei The Smiths, nur Keyboarder Edwin Congreave hält sich dezent im Hintergrund. Es ging steil bergauf für die Foals. In den Anfängen ließ sich die Band über Myspace für private Gratiskonzerte anmieten, bei denen sie vor zwei bis 50 Leuten spielten. Bedingt durch die Schreigesänge und die totale Verausgabung von Band und Fans ging da regelmäßig ein Teil der Inneneinrichtung zu Bruch.

Dave Sitek von TV On The Radio produzierte das Debüt und bescherte der Band 2008 das Prädikat "wichtigstes Debütalbum des Jahres" durch die maßgebliche britische Musikpostille New Musical Express. Der im schwedischen Göteborg von Ex-Clor-Mann Luke Smith aufgenommene Nachfolger "Total Live Forever" gibt sich musikalisch weniger komplex. Er dürfte noch mehr Mädchen begeistern.

"Blue Blood" hat das Zeug zum echten Flurfeger. Synkopisch, intelligent und alles andere als seelenlos. "Miami" ist eine klassische Postpunk-Hymne. Jauchzende Gitarren verbinden sich mit dem hymnisch warmen Bariton von Philippakis, der immer mit The-Cure-Sänger Robert Smith in Verbindung gebracht wird. In der Einsamkeitsballade "After Glow" kommt er dessen neurotischem Kieksen nah wie nie. Inhaltlich geht es auf dem Album um nicht weniger als die großen Themen der Menschheitsgeschichte.

Für ihre Texte ließen sich die Foals von der beunruhigenden Vision des amerikanischen Futuristen Raymond Kurzweil in "The Singularity" inspirieren - dem Modell einer nächsten Stufe der Evolution, in der der Mensch einfach von einem anpassungsfähigen "Al" ersetzt werden wird. Der Albumtitel stellt eine Referenz zu Kurzweils post-biologischem Menschen her, eine Verschmelzung von Mensch und Maschine mit einem Gehirn so groß wie eine Galaxie und im Besitz des ewigen Lebens.

"Wir selbst strotzen nur so von theoretischer Auseinandersetzung", bekennt Yannis Philippakis. "Für 'Total Life Forever' haben wir versucht, uns auf einen naiveren Boden zu begeben und die ganze bewusste Auseinandersetzung auszulassen." Das gelingt mal ekstatisch in sich steigernden Tanzorgien wie "Black Gold" oder dem knochigen Titelsong "Total Life Forever", in dem Philippakis seine Sängermanierismen auf die Spitze treibt. Nie zuvor war Mathematik derart tanzbar.

Foals: "Total Live Forever" (Warner) ab 7. Mai im Handel erhältlich; Konzert: Do 20.5., 20.00, Uebel & Gefährlich (U Feldstraße), Feldstraße 66, Eintritt 40,-; www.foals.co.uk