Rainer Moritz, Chef des Literaturhauses, verteidigt die klassische Autorenlesung gegenüber dem multimedialen Ansatz von Stephan Porombka.

Hamburg. Der Code eines Zeitalters ist nicht oft so nachhaltig von technischen Neuerungen beeinflusst worden wie gegenwärtig, wo die sogenannten Neuen Medien, vorneweg das Internet, unsere Aufmerksamkeit auf eine harte Probe stellen. Das Medium Buch muss sich nicht mehr nur gegen Radio und Fernsehen, sondern besonders auch gegen die virtuelle PC-Welt behaupten; es ist ein Kampf an vielen Fronten für die Agenten des geschriebenen Wortes. Zurzeit beharken sie sich selbst - es geht um die grundsätzliche Frage, ob denn das bildungsbürgerliche Grundangebot der Literaturvermittlung namens "Autorenlesung" noch zeitgemäß sei.

Stephan Porombka, Literaturwissenschaftler an der Uni Hildesheim, findet, dass dem nicht so ist. Im Gegenteil hält er die klassische Lesung für veraltet und nicht mehr den Forderungen des Publikums entsprechend. Im Branchenmagazin "Buchreport" äußerte Porombka sich rigoros dahingehend, dass sich die Literatur "stärker gegenüber den anderen Künsten und Medien öffnen [müsse], um vor allem auch ein jüngeres Publikum zu gewinnen". Für ihn steht hinter der klassischen Autorenlesung "doch ein recht alter Literaturbegriff". Das Alte, das ist für Porombka der trocken lesende Wortkünstler, der zur Befeuchtung seines strapazierten Gaumens dringend das Wasserglas braucht. Deswegen nennt Porombka die spöttisch charakterisierte Kulturveranstaltung "Wasserglaslesung". Was will er also? Den Einbezug von Musik, Film und Internet, außerdem trivialer Literaturformen.

Eine mediale Collage, die dem Puristen Rainer Moritz überhaupt nicht in den Kram passt. Auch im Hinblick auf die Vattenfall Lesetage, die am Donnerstag beginnen, verfasste der Chef des Hamburger Literaturhauses in seiner Replik die fällige Verteidigung für die angeblich Rost ansetzende Autorenlesung. Moritz sieht das "ästhetische Ereignis eines gelungenen Textes" im Zentrum jeder Literaturveranstaltung. "Literarische Texte ernst zu nehmen und an ihre stille ästhetische Wirkung zu glauben heißt eben nicht, sie mit anderen Kunst- und Kommunikationstypen zu vermengen", schreibt Moritz.

Eine Inszenierung von Lesungen, eine mediale Polygamie mit Powerpointpräsentation und anderem Schnickschnack ist seine Sache nicht. Moritz schätzt die "spartanisch anmutende Wasserglaslesung". Deren Unvergänglichkeit ist in der Tat bewiesen: Die Pop-Performance von Autoren wie etwa Benjamin von Stuckrad-Barre wurde schnell langweilig. Einmaligkeit und Authentizität bekommt das kunstvolle Vorlesen, das eine Form der Sprachpflege darstellt, höchstens noch dann, wenn einer wie Thomas Meinecke nach seiner Lesung Platten auflegt - wenn beide Kunstformen für sich bleiben, konkurrieren sie nicht auf ungute Art miteinander. Was nämlich für die Wasserglaslesung spricht, die sich in Hamburg an vielen Orten auf den erfolgreichen Festivals "Vattenfall Lesetage" und "Harbour Front" regen Zuspruchs erfreute, ist das körperliche und lautliche Erleben in einem mit Atmosphäre aufgeladenen Raum - ob Kirche, Schiff oder Rathaussaal. Jedes weitere Medium wäre dort Ablenkung.

Stephan Porombka hat übrigens Rainer Moritz geantwortet: In der heutigen, schnelllebigen Zeit lebe man auf jeden Fall medial polygam. In Hamburg allerdings, so Porombka, leite Moritz in der Tat erfolgreich ein Literaturhaus. Und im literarischen Speckgürtel der Hansestadt gebe es keine Probleme, ein Publikum zu finden. Punktsieg Moritz.