"Radio Universe" feiert Premiere

Nino Haratischwilis: Die ungeduldige Dramatikerin

Foto: Roland Magunia

Mit 26 Jahren hat die umtriebige Autorin aus Georgien bereits ein gutes Dutzend Theaterstücke verfasst und kürzlich ihren ersten Roman bei der Leipziger Buchmesse präsentiert.

Hamburg. Das Reporterhandy klingelt. Exakt 11:59:59 Uhr. Eine Sekunde vor dem verabredeten Zeitpunkt. Nino Haratischwili legt Wert auf Pünktlichkeit. "Ach, da sind Sie ja." Sie blickt vom Tisch auf, ein prüfender Blick aus dunklen Augen. Offenbar will sie keine Zeit mit Warten verschwenden. Sie ist schwarz gekleidet, wie meistens. Nur eine rote Strickblüte leuchtet keck an der Mütze und verrät einen Zug mädchenhafter Verspieltheit an der ernst wirkenden jungen Theaterautorin und Regisseurin.

"Ich mag Kampnagel", sagt Nino Haratischwili, die in Georgien geboren ist und seit 2003 in Hamburg lebt, beiläufig. Aber wie sie es sagt, lässt keinen Zweifel: Sie meint es auch. Vor drei Jahren hat die 26-Jährige hier ihre Diplominszenierung gezeigt: "Mein und dein Herz. Medeia". Mit eigener Textfassung. Seither entstand ein gutes Dutzend Stücke, im Februar feierten "Le petit maître" in Bruchsal und "Zorn" in Göttingen Uraufführung. "Z", "Liv Stein" - ausgezeichnet beim Heidelberger Stückemarkt 2008 - oder "selma 13" werden nachgespielt. Mehr als respektabel für eine so junge Autorin. Umtriebig sei sie, sagt sie von sich selbst. Eine Untertreibung. Soeben erhielt sie den Adelbert-Chamisso-Förderpreis, heute schaut sie sich die erste Durchlaufprobe von "Radio Universe" an. Nina Mattenklotz, ihre Kollegin von der Hamburger Theaterakademie, inszeniert die Uraufführung auf Kampnagel.

In die Probenarbeit einmischen jedoch mag sich Nino Haratischwili nicht. "Das finde ich nicht gut für die Schauspieler, wenn ich da immer als allwissende Autorin rumrenne und Korrekturen mache. Da ich selber inszeniere, weiß ich, wie bescheuert das ist." Ohnehin hätte sie in den letzten Wochen keine Zeit dafür gehabt. "Dieser Winter war echt Marathon für mich", sagt sie. Bei der Leipziger Buchmesse hat Nino Haratischwili ihr erstes Buch "Juja" vorgestellt, gerade kommt sie von einer Buchpräsentation aus Berlin zurück. "Das alles war neu und aufregend."

Außerdem vertraut sie Mattenklotz. Die Regisseurin war es auch, die vorschlug, den Hund Giorgy hineinzunehmen. Der Bericht über die Probleme seines Frauchens Lile, ihn mit in ihre Heimat Georgien zu nehmen, eröffnet nun das Stück. "Radio Universe" spielt in einer Nacht im August 2008 zur Zeit des Kaukasus-Konflikts. "Die Geschichte ist mir tatsächlich passiert. Ich habe noch keinen deutschen Pass, aber mein Hund hat einen EU-Pass." Die Vorschriften seien "der Horror": "Ich muss dauernd zu Behörden gehen, werde dort grenzdebil angesprochen und muss nachweisen, dass ich es wert bin, hier im heiligen Deutschland zu leben. Absurde Geschichten für ein Abrechnungsstück."

Haratischwili lacht jetzt, redete sich ein bisschen in Rage. Den Namen ihres eigenen Mischlings verrät sie nicht. Sie spricht lebhaft, in akzentfreiem Deutsch, lässt sich aber ungern in die Karten schauen. Passt irgendwie zum Auftritt in Schwarz. Als Zwölfjährige kam sie mit ihrer Mutter 1995 erstmals in den Westen und begann zu schreiben. "In der Zeit hat sich für mich viel verändert. Ich wollte verstehen, was vor sich geht." Wieder zurück in Tiflis an einem alternativen Gymnasium begann sie Theater zu spielen, gründete die Gruppe "Fliedertheater" und wollte nach dem Abi Regie studieren. Weil die Theaterhochschule nur alle zwei Jahre Aufnahmeprüfungen abhielt, meldete sie sich zum Filmregiestudium. "Ich war sehr ungeduldig und hab gedacht: Ich warte nicht ein Jahr auf mein neues Leben. Und außerdem bin ich totaler Filmfan."

Sie hatte Glück, wurde genommen, lernte viel, merkte aber: "Mir fehlt die Geduld fürs Filmemachen. Im Theater kann man rascher arbeiten, kommt mit weniger aus." Also zurück zum Theater. Zurück nach Deutschland. An die Hamburger Theaterakademie zum Regiestudium. Und zum Schreiben. Das sei aber keine Selbsttherapie, stellt Nino Haratischwili klar. Man denke immer, beim Schreiben drehe sich alles um einen selber. "Der Schriftsteller Daniel Kehlmann sagt, er ist froh, sich nicht mit sich selbst beschäftigen zu müssen, er könne lügen, spielen, verführen. So geht's mir auch. Das ist manchmal echt befreiend."

Nino Haratischwili schaut auf die Uhr. Sie ist gespannt, ihr Stück zum ersten Mal auf der Bühne zu sehen. Eine Geduldsprobe für jeden Autor.

Radio Universe: Premiere 7.4., 20 Uhr, Kampnagel (Jarrestraße), Karten unter Tel. 27 09 49 49.