Kongress: Welche Zukunft haben Bibliotheken?

Bücherhallen setzen auf elektronische Medien

Auch in Hamburg ist die Nachfrage nach E-Books in den Bibliotheken größer als das Angebot der Verlage.

Leipzig/Hamburg. Läutet das Internet langsam, aber sicher das Ende der klassischen Bibliothek ein? Die Perspektiven der Bibliotheken im Informationszeitalter waren das Thema des 4. Bibliothekskongresses, der gestern in Leipzig zu Ende ging. Unter dem Motto "Menschen wollen Wissen" diskutierten Vertreter der Branche über die Herausforderungen des vernetzten Zeitalters.

Auch für die Bücherhallen Hamburg stellt sich die Frage, ob sie in zehn oder 20 Jahren noch eine wichtige Rolle spielen können. Ihre Antwort: Ja. Auch wenn nicht absehbar war, wie radikal sich die Aufgaben und Ziele der altehrwürdigen Bibliothek innerhalb eines einzigen Jahrzehnts verändern würden, als die Stiftung Hamburger Öffentliche Bücherhallen 1999 ihr 100-jähriges Bestehen feierte.

Hamburgs große Bibliothek muss der Barmbeker Rentnerin auch künftig die Möglichkeit geben, sich ihre Krimis aus der dortigen Stadtteilbücherei zu entleihen, andererseits aber die Bücherhallen mit allem aufrüsten, was die moderne Medienwelt zu bieten hat.

Im Informationszeitalter reicht es längst nicht mehr aus, Bücher auszuleihen und Leseförderung zu betreiben. Es geht immer stärker auch darum, auf elektronischem Weg Zugang zu Wissen zu eröffnen. Braucht man dafür noch Bibliotheken?

"Allerdings, das Internet ist für uns überhaupt keine Gefahr, sondern eine enorme Herausforderung. Es bietet uns die Chance, verlorene Kunden zurück in die Bibliothek zu holen", behauptet Bücherhallendirektorin Hella Schwemer.

Doch kann eine kommunale Bibliothek im Netz im Wettbewerb mit finanzkräftigen kommerziellen Anbietern überhaupt sinnvolle und konkurrenzfähige Angebote machen? Für Wolfgang Tiedtke, den Leiter der Abteilung Portal und E-Service, hat sich das längst erwiesen. "Grundsätzlich sind wir auf unserem Internetportal in zwei Segmenten tätig: Einerseits bieten wir die klassischen Bibliotheksdienstleistungen elektronisch an. Anmeldung, Katalogsuche oder Verlängerung der Leihfrist lassen sich selbstverständlich online erledigen. Viel interessanter ist aber der Bereich E-Medien: Als eine der ersten Bibliotheken in Deutschland bieten wir unseren Kunden die Möglichkeit, E-Bücher, E-Magazine, E-Hörbücher, -Musik und -Videos auszuleihen."

Wenn sich der Nutzer für ein E-Book entschieden hat, kann er es virtuell ausleihen. Das heißt, er lädt es auf seinen Computer und kann es während der angegebenen Leihfrist auch offline nutzen. Nach Ablauf der Leihdauer lässt sich die Datei nicht mehr öffnen, das Buch ist damit "zurückgegeben".

Außerdem haben die Bücherhallen inzwischen über 100 Kursangebote im Bereich E-Learning im Angebot, nicht nur zu Fremdsprachen (Spanisch online für Anfänger), sondern zu den Bereichen EDV (SuseLinux9), Wirtschaft (SAP R 3 Einführung), oder Recht ("Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz"). Man kann aber auch in der DigBib, der digitalen Bibliothek, in über 600 Datenbanken recherchieren.

Ob man klassische Bücher ausleihen oder die Bibliothek elektronisch nutzen will, macht finanziell keinen Unterschied. Voraussetzung ist die Mitgliedschaft, die für Erwachsene im Jahr 45 Euro kostet. Insgesamt 170 000 Lesekarten verkaufen die Bücherhallen pro Jahr.

"Wir sehen die Bibliothek vor allem als Lernort. Deshalb werden wir im Herbst auch ein eigenes Lernzentrum eröffnen", sagt Hella Schwemer. "Das reine Ausleihen von Büchern kostet für Kinder bei uns nach wie vor nur fünf Euro pro Jahr. Auch sonst gibt es Regelungen, die sicherstellen, dass aus finanziellen Gründen niemand von der Nutzung ausgeschlossen ist." Die Direktorin wird manchen ihrer Kunden nie begegnen: Etwa 4500 E-Books und 3000 E-Learning-Kurse werden monatlich ausgeliehen. Im Moment nur ein Bruchteil der jährlich insgesamt 12,5 Millionen Entleihungen.

Sven Instinske, Leiter der Bücherhallen-Informationsdienste, sieht in diesem Segment große Zukunftschancen: "In den letzten zweieinhalb Jahren ist der Bestand an E-Medien auf über 15 000 Titel gewachsen. Die Umsatzzahlen wachsen stetig", sagt der Hamburger Bibliothekar, der den Leipziger Bibliothekskongress besucht hat. Auf die Frage, welche Rolle man den elektronischen Medien dort zumisst, antwortet Instinske: "In Leipzig wird nicht mehr diskutiert, ob öffentliche Bibliotheken dieses Angebot zur Verfügung stellen sollen, sondern wann endlich ausreichend Inhalte die wachsende Nachfrage befriedigen können." Offenbar ist diese viel größer als das bisherige Angebot der Verlage.