Jubiläum: Das Staatsarchiv feiert Geburtstag

Hamburgs historisches Gedächtnis wird 300 Jahre alt

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Am 11. September 1710 wurde das Hamburger Staatsarchiv offiziell eingeweiht. Mittlerweile umfasst es mehr als 30.000 laufende Regalmeter.

Hamburg. Der erste Eindruck täuscht gewaltig. Nie würde man darauf kommen, dass sich hinter den modernen Fassaden des funktionalen Gebäudes in Wandsbek eine der geschichtsträchtigsten Institutionen der Hansestadt verbirgt. Historische Patina hat das von dem Architekten Jan Störmer entworfene und 1998 fertiggestellte Archivgebäude natürlich noch längst nicht angesetzt, doch gibt es zumindest einen Hinweis darauf, dass sich hier das geschichtliche Gedächtnis der Hansestadt befindet.

Wenn die Besucher den Weg zum Haupteingang nehmen, gelangen sie auf einem Holzsteg vorbei an der in Aluminium gegossenen Nachbildung des mittelalterlichen Stadtsiegels. Es verweist darauf, dass hier die Dokumente zur Geschichte der Stadt verwahrt werden, darunter wertvolle Handschriften, Urkunden, Verträge, kostbare Manuskripte, Siegel, bildliche Darstellungen, Fotografien, Bücher - mehr als 30 000 laufende Regalmeter, ein unermesslicher Schatz.

2010 feiert das Staatsarchiv sein 300. Jubiläum. Als Gründungsdatum gilt der 11. September 1710. Das ist eine etwas eigenwillige Betrachtung, denn das Archiv gibt es schon sehr viel länger. Aber indem der Rat vor nun knapp 300 Jahren den ersten hauptamtlichen Sekretär berief, wurde das Archiv in professionelle Hände gegeben.

Die erste Erwähnung reicht in das Jahr 1293 zurück. Schon in der mittelalterlichen Stadt erwies es sich als notwendig, wichtige Urkunden sicher aufzubewahren. Oft waren Hamburger Ratsherren geschickte Diplomaten, die Verträge abschlossen, die für die Hansestadt äußerst vorteilhaft waren.

Manchmal schreckten sie nicht einmal vor Fälschungen zurück, wie bei dem angeblich von Kaiser Barbarossa ausgestellten Freibrief, der die Entwicklung des Hafens erst möglich gemacht hat. Aber wer sich auf Verträge berufen will, muss sie im Zweifelsfall auch vorlegen können, schon deshalb maß der Senat der Archivierung großen Wert bei.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein bestand die Aufgabe des Archivs vor allem darin, die Dokumente, die Hamburgs Stellung im Reich, in Europa und in der Welt betrafen, sicher aufzubewahren. Aber auch Ratsbeschlüsse und Dokumente, in denen die Rechte einzelner Bürger fixiert waren, wurden in das Archiv aufgenommen, das ausschließlich praktisch-rechtliche Zwecke zu erfüllen hatte. Wissenschaftlich ausgewertet wurde dieser enorme Bestand nicht. Das änderte sich im 19. Jahrhundert, als mit Johann Martin Lappenberg (1794-1865) ein namhafter Gelehrter sein Amt als Senatssekretär im Archiv antrat. Von nun an waren die Dokumente auch Wissenschaftlern, Forschern und Bürgern zugänglich.

Allerdings war die Unterbringung jahrhundertelang geradezu fahrlässig: Zunächst lagerten die Dokumente in einem unbeheizten Zimmer im alten Rathaus am Ness, später im einer Bank und in einem Waisenhaus. Erst mit dem Rathausneubau erhielt das Archiv 1907 geeignete Räume, die sich gleichwohl schon bald als zu klein erwiesen.

Beim Großen Brand von 1842, im Feuersturm 1943 und bei der Sturmflut 1962 gingen unersetzliche Werte verloren. Erst 1972 konnte an der ABC-Straße ein moderner Archivbau eingeweiht werden, der sich aber schon zwei Jahrzehnte später als so unzulänglich erwies, dass der Neubau in Wandsbek notwendig wurde. Dort können die Dokumente aus Hamburgs langer Geschichte erstmals sicher und dauerhaft untergebracht und der Forschung und Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.