Archäologie

Wie die Hanse ein königliches Verbot umschiffte

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Matthias Gretzschel

Gisela Graichens TV-Dokumentation "Schliemanns Erben" erzählt vom Fund einer Kogge vor der Halbinsel Darß - und lüftet ein altes Geheimnis.

Im Sommer 1977 stoßen Rettungsschwimmer vor der Halbinsel Darß auf ein unbekanntes hölzernes Schiffswrack. Es könnte ein Sensationsfund sein, mutmaßen die Entdecker und informieren sofort das Rostocker Schifffahrtsmuseum. Liebend gern würden die dortigen Wissenschaftler das geheimnisvolle Wrack untersuchen und vielleicht sogar bergen, aber das ist damals absolut unmöglich: Die Ostsee ist Grenzgebiet, dort sorgen die "bewaffneten Organe" der DDR dafür, dass jeder Fluchtversuch zum unkalkulierbaren Risiko wird. Wissenschaftler würden nur stören und sind daher unerwünscht, so kann das Wrack noch weitere zwei Jahrzehnte sein Geheimnis bewahren.

Die Darßer Kogge ist der Ausgangspunkt der ersten Folge der neuen Staffel von Gisela Graichens Archäologie-Dokumentation "Schliemanns Erben", die am Neujahrsabend ausgestrahlt wird. Wie arbeiten Unterwasserarchäologen, und welche Möglichkeiten bietet die historische Archäologie, um Licht in eine weit zurückliegende Geschichte zu bringen? Schritt für Schritt zeigt die Dokumentation auf, wie es mit wissenschaftlichen Analysemethoden, aber auch mit dem Spürsinn und der Kombinationsgabe versierter Archäologen gelingt, zu völlig neuen historischen Erkenntnissen zu gelangen.

Erst nach Wende und Wiedervereinigung wird es möglich, dem gesunkenen Schiff auf die Spur zu kommen. Mithilfe von Sonartechnik untersucht der Unterwasserarchäologe Thomas Förster an Bord eines Forschungsschiffs Anomalien auf dem Meeresgrund und findet schließlich die Überreste des eigentlich ja schon 1977 entdeckten Schiffs.

Bei eiskalten Wassertemperaturen, dafür aber hervorragender Sicht gehen Taucher des Landesamts für Denkmalpflege von Mecklenburg-Vorpommern vor Ort, dokumentieren die Fundstelle und bereiten die spätere Bergung vor. Schon bald ist klar, dass es sich tatsächlich um einen Sensationsfund handelt: Es ist eine Hansekogge, die dank ihrer Lage am Meeresgrund ungewöhnlich gut erhalten ist.

Mithilfe der Dendrochronologie konnten die Experten des Landesamts den Bau der Kogge auf die Zeit zwischen 1277 und 1293 datieren, das Eichenholz, aus dem die Planken bestehen, wurde in Wäldern nahe der Weichselmündung geschlagen. Und die Ladung bestand aus Dachziegeln, norwegischen Wetzsteinen, Rentiergeweihstücken und vielen merkwürdigen Stöcken.

Wozu diese Stöcke einst gedient haben, ist der Archäologin Natascha Mehler, die in der Dokumentation zu Wort kommt, schnell klar: Hier war Stockfisch aufgespießt, eines der wichtigsten Handelsgüter der Hanse. Stockfisch war eine weitverbreitete mittelalterliche Fastenspeise. Bei bis zu 140 Fastentagen im Jahr hatten Hansestädte wie Lübeck oder Hamburg einen enormen Bedarf an dem durch Trocknung haltbar gemachten Dorsch, Seelachs oder Schellfisch. Mit Stockfisch, das wussten die Handelsherren der Hanse, ließ sich viel Geld verdienen. Also schickten sie ihre Koggen dorthin, wo man den Stockfisch günstig erwerben konnte.

Gisela Graichens Team begleitet Natascha Mehler auf die Shetlandinsel. In Schriftquellen hat die historische Archäologin Hinweise darauf gefunden, dass Hanse-Kaufleute bis hierhin und bis nach Island gefahren sind. Bisher waren Schifffahrtsexperten stets davon ausgegangen, dass so weite Fahrten mit Koggen über die offene See gar nicht möglich gewesen wären. Mehler ist anderer Meinung. Auf der Shetlandinsel Unst findet sie Belege für ihre These: ein Ziegelstein, den es auf der ganzen Insel nicht gibt und der wahrscheinlich als Ballast mit einem Schiff hierhergekommen ist. Steinbrocken in Ufernähe, aus deren Anordnung sich Hinweise auf eine Anlegestelle, ein Lagerhaus und einen kleinen Hafen ergeben. Und schließlich entdeckt sie bei der Ruine einer mittelalterlichen Kirche einen Grabstein mit kaum leserlicher Inschrift, die den Beweis liefert: Hier liegt ein hanseatischer Kaufmann begraben, er stammt aus Bremen, starb am 20. August 1573 und hat 52 Jahre Handel auf den Shetlands getrieben.

Von Rechts wegen hätten die Hanse-Kaufleute hier gar nicht sein dürfen, denn der dänische König hatte den Handel, der über das Hanse-Kontor in Bergen hinausging, per Dekret verboten. Aber der mächtige Städte- und Handelsbund umschiffte im wahrsten Sinne des Wortes das königliche Verbot. Das war zwar illegal und gefährlich, aber am Ende war es offenbar vor allem äußerst profitabel.

Nachdem das Filmteam dabei war wie die - während der Dreharbeiten übrigens hochschwangere - Natascha Mehler auch in Island Beweise für die Anwesenheit von Kaufleuten der Hanse gefunden hatte, ergibt sich für Gisela Graichen ein völlig neues Bild.

"Mir ist klar geworden, dass der Einflussbereich der Hanse viel größer war, als wir ursprünglich angenommen hatten. Die Hanse setzte nicht auf Krieg und Gewalt, sondern auf Profit und auf Geschäfte zum gegenseitigen Vorteil", sagt die Filmemacherin und fügt hinzu: "Man könnte fast sagen, dass sie ein Vorläufer der Europäischen Union gewesen ist."

Dokumentation: Terra X/ Schliemanns Erbe. Fr, 19.30 Uhr, ZDF