Agnes Krumwiede ist Pianistin und Politikerin

Vom Konzertflügel ans Rednerpult

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Marcus Stäbler

Die Abgeordnete der Grünen ist die erste Konzertpianistin im Deutschen Bundestag. Sie sieht sich im Dienst der Musik wie auch der Politik.

Berlin. Die Boulevardzeitungen haben versucht, sie als "Miss Bundestag" auf ihr ansprechendes Äußeres zu reduzieren - dabei gehört Agnes Krumwiede (32) zu den inhaltlich spannendsten Nachwuchskräften der deutschen Politik. Die Grünen-Abgeordnete aus Neuburg an der Donau ist die erste Konzertpianistin im Deutschen Bundestag und bringt ihre ganz eigenen Ideen mit. Ihre Lieblingsmusik ist die von Fanny Hensel, der Schwester von Mendelssohn. Starke Frauen haben es der Jungpolitikerin angetan - am Piano ebenso wie abseits der musikalischen Bühne. Im Interview zeigt die kulturpolitische Sprecherin der Grünen ein leidenschaftliches Engagement für Musik, alles Kulturelle und die Sache der Frauen.

Hamburger Abendblatt:

Sie sind die erste Pianistin im Bundestag - welche Vorteile bringt Ihre musikalische Ausbildung in Ihrem neuen Beruf?

Agnes Krumwiede:

Ich glaube, es bringt durchaus seine Vorteile mit sich: Weil man einfach gewöhnt ist, auf einer Bühne vor Leuten zu agieren. Und dann gibt es auch einen mentalen Vorteil, denn als Musiker dient man. Man steht im Dienst einer großen Sache, und das ist bei der Politik auch so der Fall.

Abendblatt:

Glauben Sie, dass klassische Musik wichtig ist für die Gesellschaft? Kann sie Menschen verändern?

Krumwiede:

Auf jeden Fall. Dafür gibt es viele Beispiele. Neurologen haben wissenschaftlich belegt, dass klassische Musik das Einfühlungsvermögen fördert. Eine sehr wichtige Eigenschaft für das menschliche Miteinander! Außerdem kann man Musik als integratives Element einsetzen. Das zeigt Daniel Barenboim mit seinem West-Eastern Divan Orchestra, in dem er junge israelische und palästinensische Menschen zusammen musizieren lässt. Ein wichtiges politisches Signal von großer Tragweite.

Abendblatt:

Trotzdem gibt es Kritiker, die Kultur für ein Luxusgut für Eingeweihte halten.

Krumwiede:

Ich begreife Kultur nicht als bloße Förderung von Prestigeprojekten, sondern behaupte, dass sie sehr wichtig ist, um gute Ideen und Fantasie zu entwickeln. In vielen Bildungseinrichtungen wird momentan Wissen gespeichert, um es dann wieder auszuspucken. Das reicht nicht, weil die Herausforderungen, die auf uns zukommen, viel zu komplex sind, dafür braucht man eine Flexibilität im Denken. Deshalb glaube ich, dass Kulturpolitik in Zukunft immer wichtiger wird.

Abendblatt:

Was halten Sie dann von Kulturetatkürzungen?

Krumwiede:

Kultur muss unantastbar bleiben. Wenn eine Gesellschaft ihre Kulturschaffenden nicht wertschätzt, wird sie auf eine Weise verarmen, die mit Geld nicht mehr gutzumachen ist. Werte wie Glück und Zufriedenheit sind nicht mit einem Bruttoinlandsprodukt messbar und nicht mit einem Wachstumsbeschleunigungsgesetz herzustellen. Aber sie sind trotzdem enorm wichtig.

Abendblatt:

Wenn Sie frei entscheiden könnten - was wären die wichtigsten Maßnahmen?

Krumwiede:

Zunächst würde ich im Lehrplan ein paar Stunden streichen, weil ich glaube, dass unsere Schüler momentan überlastet sind. Und dann würde ich Künstler aus den verschiedenen Sparten für regelmäßige Workshops an den Schulen engagieren. Denn die kulturelle Bildung ist extrem wichtig! Außerdem würde ich die soziale Absicherung von Künstlern verbessern - gerade die Tänzerinnen und Tänzer sind oft das letzte Glied in der Geldverdienerkette.

Abendblatt:

Ein anderes Anliegen von Ihnen ist eine Frauenquote für Orchester ...

Krumwiede:

Es kann ja nicht angehen, dass 60 Prozent der Studierenden an den Hochschulen weiblich sind und sich das dann im Berufsleben gar nicht widerspiegelt, wo wir Frauenanteile von höchstens 30 Prozent in den deutschen Orchestern haben. Ein Dirigent hat mir mal gesagt, dass Frauen weder zu gut noch zu schlecht aussehen dürfen, weil sie ja sonst das Publikum ablenken - da geht es also keineswegs um künstlerische Qualität. Die Quote wäre keine Dauerlösung, aber eine Krücke für ein erkranktes System.

Abendblatt:

Sie wurden auch schon "Miss Bundestag" genannt. Manche Orchester lösen dieses "Problem" bei Vorspielen mit einem Vorhang, damit man nicht sehen kann, wer dort gerade sitzt. Haben Sie sich in Anbetracht des Medienrummels der vergangenen Wochen auch schon mal einen solchen Vorhang gewünscht?

Krumwiede:

Ich könnte mich natürlich jetzt anders kleiden. Aber ich habe so einen Stolz in mir und denke, das kann nicht sein, dass ich mich von den chauvinistischen Denkstrukturen in unserer Gesellschaft verbiegen lasse. Ich möchte einfach so bleiben, wie ich bin. Irgendwann wird sich der Rummel beruhigen, und es wird mir gelingen, mit großer Kraft meine Inhalte voranzutreiben.