Gastbeitrag: Karin v. Welck

Kunstwerke bewahren - nicht verkaufen

Der Stiftungsrat der Kunsthalle hat Direktor Hubertus Gaßner beauftragt, eine Liste mit verkaufbaren Kunstwerken zu erstellen, um die Millionenschulden des Hauses zu tilgen. Kultursenatorin Karin von Welck hält diese Idee für keine sinnvolle Lösung.

Im Zuge von Sparmaßnahmen und Defiziten im Kulturbereich hört man, auch hier in Hamburg, immer öfter die Frage: Warum soll ein Museum nicht - wie ein Privatsammler auch - Werke aus seinem Bestand verkaufen, um seine Defizite zu tilgen? Ein Vorschlag, der auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen mag, meines Erachtens aber zu kurz gedacht ist und keine grundsätzliche Lösung sein kann.

Profil und Renommee eines Museums werden vor allem von seiner Sammlung bestimmt: Je bedeutender die Sammlung eines Museums desto glanzvoller sind sein Ruf, die öffentliche Aufmerksamkeit und die Besucherzahlen. Für die Ausstellungspolitik eines Museums ist die Sammlung richtungweisend, aus ihr heraus entwickeln sich die Sonderausstellungen, die die Schwerpunkte der Sammlung vertiefen, ergänzen und erweitern.

Eine hochwertige Sammlung macht das Haus zudem zu einem gefragten Partner im nationalen wie im internationalen Leihverkehr. In einer Zeit, in der große Sonderausstellungen immer schwerer zu finanzieren sind, kommt auch diesem Aspekt besonderes Gewicht zu. So wäre zum Beispiel Caspar David Friedrichs "Der Watzmann" von der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2005 vermutlich nicht nach Hamburg entliehen worden, wenn nicht zuvor das Caspar-David-Friedrich-Gemälde "Eismeer" aus der Hamburger Kunsthalle in Berlin zu sehen gewesen wäre. Das zentrale Argument liegt aber meines Erachtens im grundsätzlichen Auftrag der Museen, der besteht aus dem Sammeln, Bewahren, Erforschen, Ausstellen und Vermitteln. Als wichtigste Aufgabe muss dabei das Bewahren des kulturellen Erbes für die kommenden Generationen gesehen werden.

Die Diskussion um den Verkauf von Kunstwerken ist auch in Hamburg nicht neu: Im Jahr 2000 wurde z. B. der Verkauf einer kostbaren Handschrift aus dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle erwogen. Es ging um den zweiten Band einer französischen Bibel, die 1372-1380 im Auftrag Karls V. entstanden ist. Recherchen der Kulturstiftung der Länder in Berlin ergaben, dass diese Handschrift aus der Blütezeit der spätmittelalterlichen Buchmalerei im Jahr 1863 eine bewusste Gründungsschenkung des profilierten Kunsthistorikers J. M. Commeter an die damals im Aufbau befindliche Kunsthalle gewesen war. Der Vorstand der Kulturstiftung riet daher dringend von einem Verkauf der Handschrift ab. Ein derartiger Verkauf wäre ein Schlag ins Gesicht aller gegenwärtigen und zukünftigen Förderer und Stifter der Kunsthalle gewesen und hätte scharfe Proteste aus Fachkreisen und Öffentlichkeit hervorgerufen. Die Kunsthalle entschloss sich, die Handschrift nicht zu verkaufen.

Natürlich wurden in der Vergangenheit immer mal wieder Objekte aus Museumssammlungen verkauft. Doch aus heutiger Sicht handelte es sich dabei meistens um Objekte, zu denen der notwendige Sachverstand in den Museen fehlte oder die nicht in den jeweiligen Zeitgeist zu passen schienen. Die heutigen Museumsverantwortlichen und -besucher haben das Nachsehen. Wenn also heute der Verkauf von Kunstwerken erwogen wird, sollte die Idee von externen Experten geprüft werden und die Entscheidung einem mit Experten, Politikern und Bürgern besetzten Gremium vorbehalten sein. Bei der sorgfältigen Abwägung muss außerdem zwischen den einzelnen Museumstypen unterschieden werden: So sind bei der Sammlung eines Technikmuseums ganz andere Dinge zu berücksichtigen als bei einem Kunstmuseum. Grundsätzlich muss es uns darum gehen, die Sammlungen der Museen zu erhalten und den Verkauf von Werken aus den Beständen zu vermeiden. Auch in finanziell schwierigen Zeiten muss mehr als je zuvor unsere Aufgabe sein, dieses kulturelle Erbe langfristig für die Stadt und die folgenden Generationen zu bewahren.