Kunst war für ihn Knochenarbeit, und fürs Abstrakte hatte er nur Spott. Der Schöpfer des Gegendenkmals zum Kriegerdenkmal am Dammtor ist tot.

99 Jahre wäre er gern alt geworden, so alt wie Tizian. "Das tät mich freuen", sagte Alfred Hrdlicka im Frühjahr 2008, kurz nach seinem 80. Geburtstag. Und er war sicher: "Wenn ich beim Wodka bleibe, kann mir nichts passieren." Es ist anders gekommen. Alfred Hrdlicka, einer der bedeutendsten Bildhauer der Nachkriegszeit, starb am vergangenen Sonnabend im Alter von 81 Jahren in Wien.

Hrdlicka ist das tschechische Wort für Turteltaube. Leben und Werk des Künstlers straften diesen Namen regelmäßig Lügen. Denn er liebte den Streit um die Kunst und, ganz Wiener, in der Sprache wahlweise das zugespitzte Wort oder den verbalen Rammbock. Auch in Hamburg hinterließ er eine weithin sichtbare künstlerische Spur - Hrdlicka schuf das Fragment gebliebene Gegendenkmal zum "Ehrenmal für die Gefallenen des 2. Hanseatischen Infanterieregiments Hamburg Nr. 76" am Dammtorbahnhof.

Die Kontroversen über Hrdlickas in Bronze gegossene und in Stein gehauene Gegendarstellung zu diesem Mahnmal in Muschelkalk, das von vielen als kriegsverherrlichend empfunden und in den Hochzeiten der Friedensbewegung deshalb immer wieder mit Farbbeuteln beworfen wurde, reihen sich ein in eine lange Kette oft hitzig geführter Debatten über die politischen und religiösen Implikationen von Hrdlickas Bildhauerei. Noch im vergangenen Jahr ließ ein Kardinal Hrdlickas Version des Letzten Abendmahls im Wiener Dommuseum abhängen. Schimpfte ihn jemand "roter Nazi", fasste er das als Kompliment auf. Er sei "Uralt-Stalinist", sagte er mit sicherem Gespür für Provokation.

Geboren am 27. Februar 1928 als Sohn eines kommunistischen Gewerkschaftsfunktionärs in Wien, geriet Hrdlicka als Junge in eine paramilitärische Ausbildung bei der Waffen-SS, absolvierte in den letzten Kriegsjahren eine Lehrzeit als Zahntechniker und nahm 1946 an der Wiener Akademie für Bildende Künste sein Studium der Malerei und Bildhauerei auf. Handwerklich souverän in beiden Metiers, konzentrierte sich Hrdlicka früh auf die Bildhauerei, deren physischen Aspekten er mit Leidenschaft anhing: "Wenn man auf den Stein eindrischt, ist man am Abend müd. Des g'fallt mer!" Über den eigenen Stellenwert in der Kunstgeschichte machte er sich keine Sorgen: "Als Steinbildhauer kann mir der Rodin nicht das Wasser reichen, er ist nur ein Modelleur. Im Ton kann man ja immer ein wenig herumpanschern, das geht beim Stein nicht. Was du weghaust, das ist weg." Bis ihm der Körper den Gehorsam verweigerte, ackerte sich Hrdlicka in "zeitweise sechs, sieben Ateliers gleichzeitig" bis zu zehn Stunden hintereinander die Knochen krumm: "Wenn die Ärzte meine Wirbelsäule sehen, müssen sie schon lachen, so verbogen ist die."

Krieg, Tod und Leiden blieben die bestimmenden Sujets in Hrdlickas Werk, der seinen Bruder Ernst im Krieg verlor und eine Reihe von Freundinnen und Ehefrauen überlebte. Die Gestalt des geschundenen Menschen findet sich in bewegender Intensität auch in dem Mahnmal gegen Krieg und Faschismus auf dem Albertinaplatz in Wien. "Leiden Mitleiden, die Realität kennen - das zeichnet all die großen Künstler aus wie Goya und Shakespeare", sagte Hrdlicka einmal.

In Hamburg hatte er zwischen 1973 und 1975 einen Lehrauftrag an der HFBK, zeitgleich war er Professor in Stuttgart, später in Berlin. Seine Studenten hatten nicht allzu viel zu lachen: "Wenn ich gekommen bin, und es lief dort gerade eine Schallplatte im Atelier, konnte ich sehr unhöflich werden."

1983 richtete ihm das Kunsthaus Hamburg die erste große Einzelausstellung überhaupt aus. Im Jahr zuvor war er hier in die Jury berufen worden, die einen Entwurf für das Gegendenkmal zum Kriegerdenkmal am Dammtor auswählen sollte. Als keiner der über 100 Entwürfe überzeugte, erhielt Hrdlicka selbst den Auftrag. Am 8. Mai 1985 wurde der erste Abschnitt des ursprünglich auf vier Teile angelegten Mahnmals eingeweiht. Die Bronzewand, die eine verheerende Flamme symbolisiert, soll an den "Hamburger Feuersturm" erinnern. Aus der Kirche trat der Altkatholik Hrdlicka, zeitweise Mitglied der KP Österreichs, nie aus - eines seiner letzten Werke steht seit Mai im Wiener Stephansdom: die Skulptur einer von den Nazis hingerichteten Nonne. Für Düsseldorf schuf er eine Büste von Robert Schumann, in Wuppertal stritt man über sein Denkmal für Friedrich Engels.

Glaubt man Hrdlicka, ist auch die Linkspartei sein Werk. Er sei es gewesen, der Gregor Gysi und Oskar Lafontaine zusammengebracht habe - in einem Restaurant im Elsass. Seiner Frau Angelika missfiel, dass die beiden sich da hauptsächlich über Kohl-Witze austauschten. Mit Alfred Hrdlicka verliert die Welt einen Künstler, der beides war: roh und unbehauen wie der Stein am ersten Tag im Atelier, zugleich raffiniert und durchgeistigt wie die fertig bearbeitete Skulptur.