Jan Josef Liefers spielt Clemens Wilmenrod

Der Mann, der den Toast Hawaii erfand

Der ARD-Film "Es liegt mir auf der Zunge" erzählt mit schmackhaften Zutaten eine süßsaure Geschichte über DEN Fernsehkoch der Fünfzigerjahre.

Hamburg. Was für eine abendliche Begrüßung. "Ihr lieben, goldigen Menschen" - mit diesen Worten begann die TV-Karriere des Schauspielers Carl Clemens Hahn. Es war 21.30 Uhr, am Freitagabend des 20. Februars 1953. Genau 3200 angemeldete TV-Geräte gab es acht Wochen nach Sendebeginn des Fernsehens, gerade einmal drei Jahre zuvor waren die Lebensmittelmarken im Lande abgeschafft worden. Und plötzlich tauchte in diesem klobigen Kasten in Schwarz-Weiß ein herzensguter Mann auf und verbreitete unter seinem Künstlernamen Clemens Wilmenrod vor allem eines: Wärme.

Wenn es stimmt, dass Kochen die Sehnsucht nach einer heilen Welt ist, dann ist die Geschichte vom märchenhaften Aufstieg des erfolglosen Schauspielers Carl Clemens Hahn zum legendären ersten deutschen Fernsehkoch und Medienstar nicht wirklich verwunderlich. Schließlich befriedigte der charmante Geschichtenerzähler die Wünsche der Menschen nach einem weniger schweren Leben mit zunehmend neu hervorbrechenden (Gaumen-)Genüssen und zauberte in seiner fünfzehnminütigen "Direktsendung" von nun an wöchentlich den Duft der weiten Welt in die deutschen Nachkriegsküchen.

Der rundliche Pfannenplauderer mit Franzosenbärtchen, festgepappten Haaren und Schürze mit eigenem Konterfei erfand aber nicht nur die "Fernsehküche", sondern auch gleich noch den Toast Hawaii, das Arabische Reiterfleisch und weitere Gerichte, denen er mit wundervollen Fantasienamen wie "Venezianischer Weihnachtsschmaus" oder "Päpstliches Huhn" zu enormer Popularität verhalf.

Was die ARD-Filmbiografie "Es liegt mir auf der Zunge" über den deutschen Ururopa der Mälzers und Kerners aber besonders schmackhaft macht, sind die Zutaten. Der unterhaltsame Einblick in die Anfänge der Fernsehgeschichte, den Lothar Kurzawa (Buch) und Kaspar Heidelbach (Regie) bieten, gerät zum staunenden Rückblick in eine Zeit der analogen Tonbänder und der schnellen Entscheidungen. So verschafft sich Wilmenrod unverzüglich Zugang zum Intendanten des damaligen Nordwestdeutschen Rundfunks - und zwar über die Sekretärin. Dialog: "Mir ist daran gelegen, eine Bevölkerungsgruppe anzusprechen, die bisher im Fernsehen viel zu wenig Beachtung findet." Sie: "Und die wäre?" Er: "Frauen." Sie: "Na, dann gehen Sie mal rein."

Und es ist die Geschichte eines tragischen Helden, der buchstäblich den Hals nicht voll gekriegt hat. Der in seinen besten Zeiten drei Millionen Menschen vor den Fernseher lockte. Der sich immer als Künstler verstand, als Komponist in der Küche sozusagen, und der in einer Schlüsselszene des Films quasi für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird. Mit den Worten: "Es gilt einen Mann zu ehren, der sich um den Gaumen der Nation verdient gemacht hat wie kein Zweiter." Und dafür die "Goldene Schüssel" der "Bundesfeinschmecker" überreicht bekommt. Darauf einen Drink.

Wilmenrod ist vieles in einer Person. Ein liebenswerter Schwätzer, der die Autogrammjäger glücklich zurücklässt, wenn er ihnen lächelnd den Satz mit auf den Weg gibt: "Die Basis ist die Grundlage jedes Fundaments." Ein wahrer Scharlatan, der überhaupt keine Bedenken hatte, als Fernsehkoch vor die Nation zu treten, obwohl er nicht einmal Zwiebeln schälen konnte.

Ein Betrüger? Na ja. Schleichwerbung ist ein hochaktuelles Thema, und nun stellen wir erstaunt fest, dass schon in der Steinzeit des deutschen Fernsehens eifrig Product-Placement betrieben wurde.

Jan Josef Liefers spielt diesen Verführer, Verschwender, Trinker und Frauenhelden ziemlich hinreißend. Es ist zum Lachen und zum Weinen - und mehr geht ja eigentlich nicht. "Der wollte, egal wie, berühmt werden. Ein Effekthascher und Lebenslustmolch mit tragischem Ende", beschreibt Liefers den Hallodri am Herd. Und sagt über die Rolle: "Ein gefundenes Fressen für einen Schauspieler."

Man möchte hinzufügen: und allemal ein köstliches Fünf-Gänge-Menü für die Zuschauer.

TV-Biografie: Es liegt mir auf der Zunge. 20.15 Uhr ARD

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