Lesung in den "Fliegenden Bauten"

Åke Edwardson eröffnet Hamburger Krimifestival

Was ist der Unterschied zwischen einem Puzzle und einem Mysterium? Das sind so die Fragen, die Erik Winter durch den Kommissarkopf gehen. Nachts, wenn er nicht schlafen kann, und tagsüber, wenn er mit seiner Müdigkeit und der Schlechtigkeit der Welt als solche kämpft.

Hamburg. Bei einem Puzzle, so sein Fazit, sind alle Teile vorhanden, die Lösungen sind da. Man muss die Teile nur an die richtigen Stellen legen. Beim Mysterium ist es schlimmer, komplizierter - eine verzweifelte Suche nach Antworten, wo es vielleicht keine gibt. Erik Winter ist ein Mann der Mysterien. Ein Spezialist, was unerklärbare Handlungen, menschliche Widersprüchlichkeiten und rätselhafte Zusammenhänge angeht. Erdacht hat diesen melancholischen, grüblerischen Kommissar, diesen Meister der (Selbst-)Zweifel, der schwedische Ex-Journalist Åke Edwardson. Am Sonntag eröffnet er mit seinem neunten Roman um Erik Winter, "Toter Mann", das Hamburger Krimifestival.

Edwardson ist - neben seinen Kollegen Håkan Nesser, Henning Mankell und dem verstorbenen Stieg Larsson - der wohl erfolgreichste schwedische Krimiautor; stets aufs Neue stellt er unter Beweis, dass Spannungsliteratur durchaus sprachlich komplex sein kann und literarisch ernst zu nehmen ist. Edwardson, Jahrgang 1953, entwirft Romanwelten, in denen Natur und Seelenlage eine Einheit ergeben, in denen sich gesellschaftliche Verstrickungen in menschliche Tragödien entladen. Jedes Jahr ein Buch, jedes Jahr brutale Morde - der Mann ist ein Wiederholungstäter.

"Toter Mann" ist so gesehen ein irreführender Titel, denn es gibt viele tote Männer, die Winter und seine Kollegen von der Göteborger Mordkommission auf Trab halten. Ein vermisster Politiker, der ermordet aufgefunden wird. Ein Polizist, der nicht mehr länger in seiner eigenen Haut stecken will und ins eigene Verderben rennt. Ein Choleriker, der vor seiner Haustür mit einem Schuss hingerichtet wird. Und während Menschen ins Bodenlose stürzen und andere die Ausweglosigkeit umtreibt, legt sich der Indian Summer über die Stadt, unbegreiflich schöne Herbsttage, in denen die Sonne von einem tiefblauen Himmel scheint. Totenmessen im leuchtenden Sonnenschein - kein Wunder, dass Erik Winter der große Weltschmerz überkommt.

Kurz vor seinem 20-jährigen Dienstjubiläum, dabei noch keine 50 Jahre alt, steckt er mitten in der Midlifecrisis. Er leidet an seinem Beruf und an Kopfschmerzen, die wie mit dem Vorschlaghammer daherkommen und ihn auf seine Instinkte zurückwerfen. "Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind alle kurz vor dem Explodieren", sagt Winter.

"In The Wee Small Hours Of The Morning" heißt ein schönes Lied von Frank Sinatra, das sich mit dem Nichtschlafenkönnen, mit den frühen, kleinen Morgenstunden beschäftigt - suchte man den perfekten Soundtrack zu "Toter Mann", hier wäre er: melancholisch gefärbt und traumverloren. Mindestens so sehr wie um den jeweiligen Fall geht es in Edwardsons Romanen immer auch um das Sein und das Nichtsein, um das richtige Leben im falschen. Weshalb es keineswegs übertrieben ist, Åke Edwardson als heimlichen Philosophen unter den Krimischriftstellern zu bezeichnen.

Dass es keine Gegenwart gibt, wenn die Dämonen der Vergangenheit sich breitmachen, ist denn auch die eigentliche These von "Toter Mann", um die herum Edwardson seine vielschichtige Handlung konstruiert. Gute Krimis, das beweisen die Skandinavier stets auf Neue, erzählen immer auch etwas über die dunklen Seiten des Lebens. In diesem Fall über die Schwierigkeit und den inneren Widerspruch, ein Leben zu führen, in dem es ständig nur um Tote geht. In dem man immer wieder erneut der Dunkelheit entgegenreist.

Hamburger Krimifestival 1. bis 8.11., Åke Edwardson liest am 1.11., 19.00, Fliegende Bauten, Eintritt 14 Euro. Karten gibt es bei Heymann (T. 48 09 30), in den HA-Ticketshops und unter der HA-Ticket-Hotline T. 30 30 98 98; Internet: www.krimifestival-hamburg.de