Gala: Die Diva assoluta des Operngesangs

Atemberaubend und betörend schön

Gefeiert in der Laeiszhalle: Anna Netrebko, Bryn Terfel und Ekaterina Semenchuk.

Hamburg. Als Anna Netrebko, in der öffentlichen Wahrnehmung zurzeit die Diva assoluta des Operngesangs, am Mittwochabend in ihrer atemberaubenden Robe die Bühne der Laeiszhalle betritt, träumt man für eine kleine Sekunde, man sei Oskar Matzerath und dürfe unter ihren Röcken kaschubischen Ausmaßes verschwinden und von dort ihrer betörend schönen Stimme lauschen. Doch dann reißen wir uns zusammen, bleiben brav sitzen und lassen Ohren und Gemüt in diesem unbeschreiblich weiblichen Gesangsklang baden, den die Netrebko zuerst in der Kavatine der Ludmilla "Grustno Mne" aus Glinkas "Ruslan und Ludmilla" aus ihrer Kehle strömen lässt.

Ihr immer schon eminent sinnlicher Sopran ist mit den Jahren noch körperlicher geworden. Jeden Ton modelliert sie wie die Klang gewordene Entsprechung jener Kurven, die den Herzschlag der Männer beschleunigen. Doch ein kokettes Weibchen ist sie nicht; sie singt mit wunderbarer Power und Natürlichkeit. Ihre herrliche Stimme ist in der Tiefe schön abgedunkelt und besitzt eine fast gefährliche Strahlkraft in der Höhe. Beim Lied der Sylva Varescu "Heia, heia! In den Bergen ist mein Heimatland" aus der "Csárdásfürstin" wackelte die Koordination zwischen Solistin und Orchester, in der Arie "Un bel di vedremo" in Puccinis "Madame Butterfly" ereilte Anna Netrebko eine winzige Indisposition, die sie allerdings perfekt löste.

Die Sängerin selbst wirkt glücklicher als bei ihren beiden früheren Auftritten in Hamburg im CCH und im Derby Park: gelöst, warmherzig wie das ewige Mädchen aus dem Volke. Wenn der ordentliche Prager Philharmonische Chor ein paar Takte ohne sie singt, dann dreht sie sich um und hört den Sängern zu. Das freut den Chor - und das Publikum darf sich derweil an ihrer schönen Rückenansicht hungrig sehen.

Die Minsker Mezzosopranistin Ekaterina Semenchuk hatte Kleiderpech: Sie sah aus wie von der Schneiderei Aschenputtel ausgestattet. Doch was zählen solche Äußerlichkeiten, wenn eine so subtil und feierlich mit ihrer die Tiefen furchtlos ergründenden Stimme umzugehen versteht? Mit ihrem musikalischen Ernst wies die Semenchuk wiederholt ins Transzendente hinaus. Erst in ihrer Zugabe, der "Carmen"-Arie, taute sie spürbar auf und ging auch darstellerisch mehr aus sich heraus.

Damit hat Bryn Terfel nun gar kein Problem. Der Bassbariton aus Wales ist die geborene Rampensau. Mit markanten schauspielerischen Zutaten verdeutlicht er seine Rollen. Als Sportin' Life aus "Porgy & Bess" von Gershwin gibt er genüsslich den Bad Boy mit Kippe im Maul. Terfel kann grölen und röhren, dass es eine Wonne ist. Auf der Bühne trinkt er aus der Astra-Knolle - und auch die Netrebko nimmt den angebotenen Schluck. Als Typ Ehrliche Haut mit Joe-Cocker-Appeal ist sich Terfel auch nicht zu schade, dem fernsehfernen Publikum vor seiner Zugabe "The Impossible Dream" kurz den Zwischenstand des WM-Qualifikationsspiels Deutschland gegen Aserbaidschan durchzugeben - auf Deutsch. Dass ihm unsere Sprache mehr liegt als die französische - sein "Le veau d'or" aus Gounods "Faust" blieb komplett textunverständlich - bewies er zudem in dem anrührend schlicht und schön gesungenen Lied des Wolfram von Eschenbach "O du mein holder Abendstern" aus dem "Tannhäuser".

Die Prager Philharmonie pflügte sich wacker bis achtbar durch die 20 Nummern des Abends. In den sängerlosen Piècen verdarb indes das stellenweise grotesk unverhältnismäßige Gefuchtel des Dirigenten Emmanuel Villaume den Genuss beim Blick auf die Bühne. Soll man es als Zeichen der Reife des Publikums werten, dass der absolute "Anna! Anna!"-Taumel ausblieb, die Leute sich erst ganz am Ende aus ihren Sitzen erhoben und dann allerdings in ein so träges rhythmisches Klatschen verfielen, dass es die drei Gesangsstars zu keinen weiteren Zugaben verlocken konnte? Der riesige Triumph jedenfalls war diese Gala nicht. Umso mehr nährt er den Traum, Frau Netrebko mal einen ganzen Abend singen zu hören und nicht nur als Teil eines Konzertprogramms. Dito Terfel, dito Semenchuk. Dafür hätte bestimmt auch Oskar Matzerath seine Trommel gerührt.