Redensarten: Ich sag mal

Zungen wie von Feuer

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Hermann Schreiber

Pfingsten, das "liebliche Fest", wie Goethe es im "Reineke Fuchs" nennt, hat ja auf wundersame Weise mit Sprache zu tun - jedenfalls wenn wir dem Evangelisten Lukas glauben, der im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte erzählt, wie Christi Jünger am Tag des Pfingstfestes beisammensaßen, "und plötzlich geschah aus dem Himmel ein Brausen", und es erschienen den Jüngern "zerteilte Zungen wie von Feuer, und sie setzten sich auf jeden Einzelnen von ihnen. Und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden."

Wir dürfen wohl kaum darauf hoffen, dass der Heilige Geist noch einmal mit Brausen erscheint und allen denen feurige Zungen verpasst, die Probleme mit dem Gebrauch von Sprache haben, und sei es auch nur mit der eigenen. Wir sollten uns auch nicht darauf verlassen, dass die Menschen damit aufhören, falsche Wörter zu gebrauchen, auch wenn man ihnen erklärt hat, dass diese Wörter falsch seien. Selbst der gestrenge Hinweis auf die Regeln der Grammatik oder auf vorgebliche Autoritäten wie den Duden helfen da nicht viel.

"Kann es sein, dass Fehler, wenn sie nur oft genug gemacht werden, am Ende keine mehr sind?", fragt Leser Sch. Das kann nicht nur sein, lieber Herr Sch., das ist so. "Communis error facit ius" heißt das lateinisch: Wenn viele Menschen lange immer wieder denselben Fehler machen, dann wird der eines Tages zur Regel. Die Sprachforscher wissen das seit Langem und akzeptieren es. Denn sie wissen (und akzeptieren) auch, dass Sprache sich eher anarchisch als regelrecht entwickelt, und das immer schneller. Unser Wortschatz soll in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 8000 Wörter zugenommen haben. Dass die alle "richtig" sind, wage ich zu bezweifeln.

Aber das ist kein Grund zur Resignation oder zu bösen Bemerkungen über den Niedergang der Sprache. Es sollte uns lieber daran erinnern, dass Sprache auch etwas Spielerisches hat, dass man mit Worten sogar lustvoll umgehen kann. Wie Colette zum Beispiel, die berühmte französische Schriftstellerin - "Gigi" zum Beispiel stammt von ihr. "Gewisse Wörter", schreibt ihr Biograf, "liebte sie um ihrer selbst willen, ganz unabhängig von ihrem Sinn. Sie liebte sie ihres Klangs wegen, aber auch wegen ihrer grafischen Form." Als Colette einmal gefragt wurde, ob sie für eine Rechtschreibreform sei, verneinte sie: "Ich möchte mir meine Wörter nicht zerstören lassen." Dem will ich mich gern anschließen.